1992 werden in Rostock die massivsten rassistisch motivierten Angriffe in Nachkriegsdeutschland verübt. Unter dem Beifall tausender Anwohner wird eine Wohnunterkunft mit über einhundert Menschen angezündet. Das viertägige Pogrom wird live im Fernsehen übertragen. Die Feuerwehr wird nicht zum Brandort vorgelassen und die Polizei zieht sich zurück. Die Tötungsabsicht ist offenkundig, das Ausland entsetzt. Und nur wenige Jahre später hält Martin Walser in der Paulskirche eine vielbeachtete Rede, in der er die Rostocker Ereignisse unwidersprochen leugnen kann. Der jüdische Zentralratsvorsitzende Ignatz Bubis wird daraufhin Walsers Apologie des Wegsehens als 'geistige Brandstiftung' bezeichnen. Matthias N. Lorenz zeigt uns, was es zu bedenken gibt, wenn man wirklich hinsieht. Welche Verbindungslinien es zwischen 'geistiger Brandstiftung' und manifester Gewalt zu entdecken gibt, wenn man mehr zu sehen versucht als nur den hitlergrüßenden Alkoholiker; wenn man von den Massen auf der Straße, über den tief getroffenen Ignatz Bubis und politisch engagierte Gegenaktionen, hin zu den Menschen blickt, die unmittelbar von den Verbrechen rassistischer Gewalt betroffen sind.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2025
Einiges anfangen kann Rezensent Ulrich van Loyen mit Matthias N. Lorenz' Buch. Das beschäftigt sich mit dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992, und es untersucht vor allem Fotografien, die in diesem Zusammenhang entstanden sind. Loyen geht auf zwei Bilder näher ein: auf das des Mannes, der, den Hitlergruß zeigend und eingenässt, zum Symbol des bösen Ostdeutschen wurde, und auf das einer angsterfüllten Romni mit ihren Kindern, das auf eine Kontinuität der Gewalt gegen Minderheiten verweist. Außerdem beschäftigt sich das Buch mit jüdischen Aktivisten, die Verbindungen zogen zwischen dem Pogrom und der Judenverfolgung im Nationalsozialismus - für Lorenz ist klar, dass solche Verbindungslinien in der deutschen Erinnerungskultur unausweichlich sind. Bilder sind bei Lorenz weniger selbst aktiv, als dass sie Zeugnis ablegen, meint Loyen, der das zwar für eine "Verengung", das Buch insgesamt jedoch durchaus für einen wichtigen Beitrag zum Nachdenken über die Macht von Bildlichkeit hält.
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