Martin Mosebach

Das Beben

Roman
Cover: Das Beben
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446206618
Gebunden, 416 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Es beginnt mit einer Liebesgeschichte im modernen Europa und endet mit einer Flucht in eine andere Welt: Als der Erzähler merkt, dass seine verführerische Geliebte Manon noch immer ein Verhältnis mit einem berühmten Maler hat, nimmt er einen Auftrag an, der ihn nach Indien führt, um den Palast eines Königs in ein modernes Hotel umzubauen. Die Begegnung mit dieser traumhaften Welt hilft dem Unglücklichen auf neue Gedanken zu kommen - bis ihm Manon in den fernen Palast folgt und ihre Geschichte neu zu beginnen scheint...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.12.2005

Martin Lüdke schwelgt in Lob, angesteckt vom Schwelgerischen des Romans, der ebenso elegant wie "altfränkisch" (was so viel wie altbacken meint?) daher käme: in jedem Fall ein Lesevergnügen, versichert Lüdke. Aber auch eine Provokation, findet er. Denn "Das Beben", das einerseits in Frankfurt am Main und andererseits in Indien spielt, verweigere die übliche Gegenüberstellung von westlicher und östlicher Philosophie. Der Autor interessiere sich stattdessen die Religion. Aber nicht die Frage, wohin sich die religiösen Inhalte verflüchtigt haben, treibe Mosebach um, so Lüdke, sondern "wie sich unsere gegenwärtigen Verhältnisse im Licht des Heiligen ausnehmen". Mosebach spiele in diesem im Übrigen mit viel Erotik bedachten Roman mit den Versatzstücken des Konservatismus, der aber durch Mosebachs Ironie als Gegenpart zum Heiligen keinen Bestand hat. Die stärkste Gefährdung für das Heilige geht jedenfalls nicht von der Säkularisierung aus, stellt Lüdke abschließend fest, sondern von der "moralischen Enthemmung". Die beschreibt Mosebach, vorausgesetzt wir verstehen Lüdke richtig, ganz hemmungslos.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2005

Fasziniert zeigt sich Andrea Köhler von Martin Mosebachs "erotischen Indien-Fahrer-Roman" über einen deutschen Architekten, der wegen einer unglücklichen Liebesgeschichte ins fiktive indische Königreich Sandor flieht, um dort den Palast des Königs in ein modernes Hotel umzubauen. Auch wenn sie kleinere Kritikpunkte an dem Roman anzubringen weiß - sie findet ihn etwa unproportional und reich an abschweifenden, langatmigen Reflexionen -, hat sie das Buch mit Lust gelesen. Das liegt vor allem an Mosebachs "federnder, durch und durch ironisch gelüfteter Prosa". Auch zeuge seine Satzbaukunst von "formvollendetem Stil". Thematisch sieht sie die Macht der Anziehung im Vordergrund, weswegen sie den Roman als eine "Apologie des Augenscheins" würdigt. Schließlich vergleicht Köhler dieses "stilvoll unzeitgemäße" Buch mit einem "ornamental bestückten Königspalast mit einigen nicht ganz passenden Um- und Anbauten".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 09.11.2005

Ein junger Architekt fährt nach Indien und entdeckt die Grenzen seiner Verständnisfähigkeit, skizziert Rezensentin Maja Rettig die Handlung des Roman. Ein indischer König ist ihm genauso rätselhaft wie seine große Liebe daheim, der er auch nicht recht über den Weg traut. Der Autor, referiert die Rezensentin, räume seinem Helden und Erzähler viel Platz ein für Essayistisches und "bildungsbürgerliche Einwürfe". Und auch in der Handlung schweife der Erzähler ab von seinen beruflichen Zielen und lasse sich "treiben", bis es ihn "kalt erwischt", weil er wichtige Dinge nicht mitbekommen habe. Um was es bei dieser Wende geht, verrät die Rezensentin nicht, überlegt aber, ob hier der Autor allenfalls ironisch tätig sei. Eine Ironie möglicherweise, die Rettig ansonsten vermisst bei diesem Roman, der allzu ungebrochen und antiquiert daherkomme und nicht das mindeste Maß an "Innovationswillen" zeige. Und auf der anderen Seite dem Leser auch keine süffige Story biete. Mosebachs "altertümelnde" Sprache empfindet die Rettig schlichtweg als "dreist", zumal es hierfür keine Rechtfertigung durch das Sujet gebe. Allein ein "großes Irritationspotenzial" gesteht die Rezensentin dann doch Mosebachs Roman zu und annotiert zweideutig, er "schillert aufreizend".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.09.2005

Auch im jüngsten Roman von Martin Mosebach finden sich wieder die "typisch Mosebachschen Motive", als da sind Entsetzen vor einer gewalttätigen Architektur, Kritik am Geschäftssinn der Künstler oder das Beklagen des Verlusts von Traditionen, stellt Jens Jessen fest. Das Buch dreht sich um einen von seiner Geliebten Betrogenen, der an einen kleinen ehemaligen Fürstenhof in Indien flüchtet um zu vergessen. Der Rezensent betont, dass Mosebach hier keineswegs dem verkommenen Frankfurt eine ursprüngliche, in ihren Traditionen gefestigte Enklave entgegenhält. Vielmehr entlarve der Autor das indische Fürstentum als einen Ort der "beharrlichen Realitätsverdrängung", wobei der Fürst eine "Relativierung aller demokratischen Üblichkeiten" bewirkt, die dem Verlassenen zunächst als "reaktionäres Paradies" und somit heilsam für seine verletzte Seele erscheint. Wenn am Ende die Geliebte im Fürstentum erscheint und der Fürst ihr sogleich vollkommen verfällt, wird dem Erzähler klar, dass vor einem "Frankfurter-Westend-Flittchen die ältesten und ehrwürdigsten Institutionen der Tradition nicht standhalten", was der Rezensent als gelungene "sarkastische Pointe" dieses Romans lobt. Indem die Frankfurter Welt am Ende die Oberhand gewinnt wird eine "Symmetrie" hergestellt, die deutlich macht, dass man sich im Kampf der Kulturen gegenseitig "bedroht und relativiert", so Jessen eingenommen. Er preist den Autor als "großartigen Schriftsteller", der mit seinem Roman der "westlichen Selbstgewissheit" einiges entgegenzuhalten hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.08.2005

"Luftiger Unernst" zeichnet nach Ansicht von Rezensentin Kristina Maidt-Zinke dieses "wunderliche Gebilde" aus. Gemeint ist Martin Mosebachs Roman "Das Beben", der Maidt-Zinke "sonderbar genug" scheint, "um als Sand im Literaturgetriebe einiges Zähneknirschen hervorzurufen". Eine gewisse Faszination für das Werk ist bei der Rezensentin merklich vorhanden. Es geht um einen Architekten, der sich auf den Umbau von Schlössern, Klöstern und anderen verfallsbedrohten Gebäuden zu Luxushotels spezialisiert hat. Nachdem sich der gebildete Intellektuelle wegen seiner Liebe zur blutjungen Tochter eines berühmten Kollegen zum Narren gemacht hat, reist er nach Indien, um im Königreich Sanchor den Palast von König Maharao zu einem Luxushotel umzubauen, ein Projekt das konsequent ins Leere läuft. Während Maidt-Zinke mit der Liebesgeschichte nicht so viel anfangen kann, lobt sie die Indien-Episode als "ebenso handlungsarme wie substanzreiche Mischung aus Reisebericht und Traumphantasie, postkolonialer Elegie und kulturkritischer Satire". Vor allem die Rituale und Zeremonien um den skurrilen König haben ihr bestens gefallen. Lichtjahre von der europäischen Kultur entfernt, lasse Mosebach den König "verblüffende, zur Kontemplation herausfordernde Einsichten" formulieren, etwa über den Irak-Krieg oder die Defizite der Demokratie.
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