Margarete Vöhringer

Avantgarde und Psychotechnik

Wissenschaft, Kunst und Technik der Wahrnehmungsexperimente in der frühen Sowjetunion
Cover: Avantgarde und Psychotechnik
Wallstein Verlag, Göttingen 2007
ISBN 9783835301771
Gebunden, 277 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Kurz vor dem 90. Jubiläum der sozialistischen Oktoberrevolution wagt Margarete Vöhringer einen neuen Blick auf die darauf folgenden 20er Jahre. Statt die Umwälzung der Machtverhältnisse in Russland entlang von ideologischen Debatten zu beschreiben, geht sie einer noch wenig bekannten, folgenreichen Verbindung nach: Avantgarde und Psychotechnik. Sie richtet dabei ihr Augenmerk auf die Praktiken der Künstler und Wissenschaftler, die diesen beiden Bereichen angehörten, vergleicht ihre Labore und Werkstätten, Apparate und Experimente: Das Experiment der Moderne war mehr als bloße Utopie, es war unerschrockene Praxis.Die drei wichtigsten Protagonisten dieser Studie gelten bislang als geheime Hauptfiguren der Avantgarde: der Architekt Nikolaj Ladovskij, der für sein "Psychotechnisches Labor fürArchitektur" eigens Wahrnehmungsapparate baute; der Filmemacher Vsevolod Pudovkin, der in Ivan Pavlovs Labor einen Film drehte und dabei nicht nur mit Tieren experimentierte; der Philosoph Aleksandr Bogdanov, der kollektive Bluttransfusionen durchführte, um psychisch erkrankte Arbeiter zu heilen. Ergänzt werden ihre außergewöhnlichen Experimente durch Bezüge zu den viel berühmteren Kollegen Vassily Kandinsky, Le Corbusier, Vladimir Tatlin, El Lissitzky und Dziga Vertov.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.02.2008

Mit großem Interesse hat Felix Philipp Ingold Margarete Vöhringers Studie über die russische Avantgarde und ihre Verwendung der so genannten experimentellen "Psychotechnik" - einer neuartigen Verbindung von Psychophysiologie, Wahrnehmungspsychologie und physiologischer Arbeitswissenschaft - gelesen. Anhand drei exemplarischer Beispiele - Arbeiten des Science-Fiction-Autors Aleksandr Bogdanow, des Filmregisseurs Wsewolod Pudowkin und des Architekten Nikolai Ladowski - untersucht die Autorin, wie im frühen 20. Jahrhundert in der Sowjetunion Kunst und Wissenschaft in den Dienst der "politischen Konditionierung" der Menschen gestellt wurde. Dankenswert klar und strukturiert stelle die Autorin die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Psychotechnik und Kunst dar, lobt der Rezensent, wenn er diese "Zuordnungen" auch nicht immer ganz nachvollziehbar findet. Kritischer dagegen sieht Ingold die Darstellung der russischen Avantgardekunst, und er moniert nicht allein, dass Vöhringer offensichtlich nicht mit der relevanten Forschungsliteratur vertraut ist, sondern auch, dass hier ausschließlich "angewandte Kunst" der postrevolutionären Epoche in den Blick rückt.

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