Marcelo Figueras

Kamtschatka

Roman
Cover: Kamtschatka
Nagel und Kimche Verlag, München und Wien 2006
ISBN 9783312003778
Gebunden, 317 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen übersetzt von Sabine Giersberg. Kurz nach dem Militärputsch in Buenos Aires 1976 taucht ein regimekritischer Anwalt mit seiner Familie in einem abgelegenen Landhaus unter. Was für die Eltern bitter-gefährliche Überlebenstechnik ist, wird für die beiden Söhne zu einem grandiosen Abenteuer mit Codes, Agenten und Verstecken. Figueras verwebt aus der Sicht des zehnjährigen Harry Bedrohung und Spiel, Spannung und Angst.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.01.2007

Sehr eingenommen zeigt sich der Rezensent Andreas Breitenstein von Marcelo Figueras' Roman um das Schicksal einer Familie, die sich unter der argentinischen Militärdiktatur gezwungen sieht, unterzutauchen. Der besondere Reiz von "Kamtschatka" liegt in seinen Augen in der Erzählperspektive: Aus der nachgetragenen Sicht des zehnjährigen Sohns verschwindet das Offenkundige der Diktatur von der Bildfläche und lässt lediglich das rätselhafte und mitunter abenteuerliche Verhalten der um Balance bemühten Eltern hervortreten, dem die Kinder auf teils "rührend", teils "absurde" Weise versuchen, einen Sinn anzudichten. Inmitten der allgegenwärtigen Rätsel wird das titelgebende Territorium Kamtschatka zur "Chiffre" für Einsamkeit und Widerstand: Dieses eine Gebiet würde der Vater in dem von ihm neuerdings gepflegten strategischen Brettspiel nie und nimmer aufgeben. Figueras gelingt eine "aparte Mischung aus Terror und Spiel, Verzweiflung und Phantasie, Sorge und Übermut", die von "betörender Klugheit" und "großer Würde" getragen ist, so das lobende Fazit des Rezensenten.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.11.2006

Obwohl er noch Tage nach der Lektüre tief traurig war, freut sich Rezensent Andreas Fanizadeh, dass Marcelo Figueras' Romanvorlage für Marcelo Pineyros gleichnamigen Erfolgsfilm nun endlich auf Deutsch vorliegt. Darin werde die letzte argentinische Diktatur aus der Perspektive eines Zehnjährigen geschildert, die das Kind von einem Tag auf den anderen aus seinem gewohnten Leben gerissen habe. Figueras blicke sensibel und humorvoll darauf, wie das Kind einen, durch schreckliche Umstände erzwungenen Identitätswechsel erlebt. Den Rezensenten beeindruckt besonders, dass trotz des kindlichen Blicks die Tatsachen nie verniedlicht, sondern durch das geschickte Ineinanderweben von Zeitgeschichte und kindlichem Alltag das Existenzielle, nicht zu Bewältigende an der Situation herausgearbeitet wird. Im letzten Drittel lässt zwar aus Sicht des Rezensenten die "erzählerische Leichtigkeit" Figureas' etwas nach. Trotzdem stürzt ihn das offene, vermutlich aber doch schlechte Ende des Romans in echte Beklommenheit und Trauer.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2006

"Klug und zugleich tieftraurig" findet Rezensent Kolja Mensing diesen "vermutlich einzigen" argentinischen und dabei unblutigen Roman über die Zeit der Militärdiktatur. Es handelt sich, wie Mensing schreibt, um die Geschichte einer Familie, die nach dem Militärputsch eine neue Identität annehmen muss, um nicht in die Mühlen von Folter und Mord zu geraten. Erzählt wird aus der Perspektive des zehnjährigen Sohnes, der seinerseits in eine Fantasiewelt abtaucht. Denn das titelgebende Land "Kamtschatka" bezeichnet Mensing zufolge eine russische Insel, die auf dem als Weltkarte gestalteten Spielbrett des Strategiespiels "Risiko" als eigene Nation geführt und für das Kind zum Fluchtpunkt wird. Zuletzt zerfällt die Familie unter dem Druck der brutalen Verhältnisse, lesen wir, während der Junge psychisch in seinem Fantasiereich überlebt und als Erwachsener nun dessen Metaphern rückwirkend zu deuten versucht. Die Begeisterung des Rezensenten für diesen Roman wird allerdings überschattet von seinem Ärger über die ungenaue Übersetzung und ein schlampiges Lektorat, die der deutschen Ausgabe aus seiner Sicht ziemlich geschadet haben.