Jean-Yves Tadie, Marc Tadie

Im Gedächtnispalast

Eine Kulturgeschichte des Denkens
Cover: Im Gedächtnispalast
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003
ISBN 9783608942941
Gebunden, 316 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Hainer Kober. Die Brüder Tadie formulieren eine Poetik des menschlichen Gedächtnisses: seine entscheidende Bedeutung für die eigene Identität, seine physiologischen Grundlagen und seine Störungen. Eingebettet in eine Kulturgeschichte des Erinnerns von der Antike bis zur Gegenwart mit Belegen aus Philosophie und Literatur. Der sechste Sinn des Menschen entfaltet sich in seiner ganzen Bandbreite. So erklärt sich die Faszination, die auf Künstler und Naturwissenschaftler von den Themen Erinnerung und Vergessen von jeher ausging. Denn: "Das Gedächtnis ist die erste Voraussetzung des Genies" (Balzac). Mit einem ausführlichen Glossar zu Fachbegriffen der Kognitionswissenschaft, einem Literaturverzeichnis und Register.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2004

Der rox. zeichnende Rezensent hat seinen gar nicht geringen Zweifel am Gesamtkonzept dieses Bandes. Wie hier etwa, oft recht unmotiviert, der Schatz der Geistes- und Kulturgeschichte mit neueren neurologischen Erkenntnissen zum Thema Gedächtnis konfrontiert und parallelisiert werde, das sei gelegentlich schon am Rande zum Dubiosen. Fraglos allerdings, das räumt der Rezensent ein, kennen sich die Brüder Tadie mit ihrem Gegenstand aus - und eine solche Menge einschlägiger Zitate werde man auch so schnell nicht wieder auf so knappem Raum versammelt finden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.11.2003

Florian Coulmas hat dieses Buch der Brüder Jean-Yves und Marc Tadie über das menschliche Gedächtnis mit großem Interesse gelesen. Da Jean-Yves Tadie Professor für französische Literatur an der Sorbonne und Marc Tadie Direktor des neurochirurgischen Instituts in Paris ist, stellt ihre Zusammenarbeit eine lohnenswerte Erforschung des Themas auf physischer und geistiger Ebene dar, lobt der Rezensent. Das "Rätsel des Gedächtnisses" können die Autoren zwar nicht vollends lösen, und es bleiben auch nach der Lektüre Fragen offen, gibt Coulmas zu. Doch findet er insbesondere die Fingerzeige auf Entsprechungen zwischen "geistes- und naturwissenschaftlichen Deutungen der Gedächtnisleistung" sehr anschaulich und informativ. Auch der auf "vielfältige und eindrucksvolle Weise" demonstrierte Einfluss, den der Körper auf das Gedächtnis hat, lobt der Rezensent als gelungen. Den "Zusammenhang von Körper und Geist" allerdings können die Autoren genauso wenig klären wie das "Problem der Willensfreiheit", schränkt Coulmas ein. Hier referieren sie lediglich den Stand der Forschung, etwas Neues können sie nicht dazu beitragen, so der Rezensent ein bisschen enttäuscht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

Michael Adrian ist nicht so begeistert von diesem Zusammenspiel von neurologischen und literarischen Erklärungen dessen, was Gedächtnis und Erinnerung ist. Vielmehr wirft er den Brüdern Tadie sogar "doppelten Etikettenschwindel" vor: weder Kulturgeschichte noch das Denken seien hier in Wirklichkeit das Thema. Vielmehr gehe es in oft allzu vereinfachend-allgemeiner Weise um literarisches Erinnern, das neurologisch verifiziert werde. Zwar "bietet das Buch eine erkleckliche Anzahl von 'Stellen' aus der zumal französischen Literatur", die sich zum Erinnern äußern, schreibt Adrian, aber die Autoren saugen daraus nur den Honig des Hirnforschers, der begeistert verzeichnet, wie das Gehirn Erinnerungen abruft, verbindet oder verliert. So what?, scheint Michael Adrian sich zu fragen, und empfiehlt, enttäuscht über diese von ihm eigentlich als sehr notwendig erachteten "interdisziplinären Berührung", doch lieber wieder Gerhard Roth zu lesen.

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