Klappentext

Herausgegeben von Chantal Marazia und Davide Stimilli. Mit Krankenakten von Ludwig Binswanger. Zwischen April 1921 und August 1924 war Aby Warburg, der geniale Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler, Insasse im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen, wohin er nach einem schweren psychotischen Zusammenbruch eingewiesen worden war - er hatte gedroht, sich und seine Familie umzubringen. Leiter der psychiatrischen Heilanstalt war Ludwig Binswanger, seinerseits bedeutender Psychiater, dessen Erkenntnisse den Zugang zur Geisteskrankheit tiefgreifend verändern sollten. Bislang war aus dieser Zeit nicht viel mehr allgemein bekannt, als dass Warburg vor seinen Mitpatienten den berühmten Vortrag über das Schlangenritual der Hopi-Indianer hielt. Tatsächlich hatte er während seiner Krankheit immer wieder Phasen von geistiger Klarheit und schöpferischer Produktivität. Binswangers Krankenberichte dokumentieren Wahnvorstellungen, Aggressivität gegen das Personal, Phobien und zwanghafte Hygienerituale. Warburg, der sich selbst als "unheilbar schizoid" einschätzte, wurde erst 1924 "zur Normalität beurlaubt".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.08.2008

Von dem Foto auf dem Buchumschlag lässt sich Michael Diers nicht in die Irre führen. Hier geht?s nicht um den Warburg der Vorkriegszeit, sondern um die Krankenjahre des berühmten Kunsthistorikers, ein laut Diers eher bescheiden beackertes Gebiet in der jüngeren Warburg-Literatur. Um so verdienstvoller erscheint Diers die deutsche Erstausgabe des Buches von Davide Stimilli und Chantal Marazia. Stürzt die Edition von Warburgs Krankenakte den Rezensenten auch in ein Wechselbad der Gefühle, zwischen Verstörung (über die Härte der klinischen Fakten aus dem Sanatorium Kreuzlingen) und Ermutigung (über Warburgs selbsttherapeutische Energie), so entschließt sich Diers dennoch dazu, beim Betrachten des intim Menschlichen in diesem Buch sich nicht als Voyeur zu fühlen, sondern die Person Warburg, ihre Verwurzelung im 19. Jahrhundert, ihren durch den Ersten Weltkrieg mitbedingten Wahn und ihre Heilung aufmerksam und mit Gewinn nachzuvollziehen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.12.2007

Eine herausragende und dabei fesselnde Dokumentation, die eine bedeutende Lücke in der Forschung des Kunst- und Kulturwissenschaftlers Aby Warburg schließt, sieht Ludger Lütkehaus in dessen Krankengeschichte, in der seine Klinikaufenthalte, die wechselnden Diagnosen und Anamnesen seiner Ärzte, Briefwechsel zwischen Warburg und Ludwig Binswanger, seinem Psychiater, und autobiografische Fragmente von Warburg selbst gesammelt sind. Detailliert zeichnet der Rezensent die Entwicklung von Warburgs psychischer Erkrankung nach, die ihn zu mehreren langen Klinikaufenthalten zwang, und findet in dem Band nicht nur eine Seite Warburgs festgehalten, die in der "intellektuellen Biografie" von Ernst H. Gombrich ausgespart blieb, sondern liest ihn an nicht wenigen Stellen auch als beklemmendes Zeugnis der finsteren Psychiatriepraktiken der Zeit. Dass Chantal Marazia in ihrem Nachwort insbesondere die "daseinsanalytisch humanisierte Psychiatrie", die Binswanger vertrat, aus Sicht der "Antipsychiatrie" unter die Lupe nimmt, ist zwar, wie der Rezensent herausstreicht, völlig "unhistorisch", hat aber durchaus Berechtigung, so Lütkehaus zustimmend.