Lucy Fricke

Takeshis Haut

Roman
Cover: Takeshis Haut
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014
ISBN 9783498020163
Gebunden, 192 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Frida ist eine der Besten ihres Fachs. Sie kann Horror und Kriege simulieren, sie weiß, dass es zwanzig Arten gibt, eine Zigarette zu rauchen, und dass jede anders klingt. Nur das Hüftknacken, das ihre eigenen Schritte begleitet, müsste einer rausschneiden, findet sie. Da hört man die Jahre vergehen. Und doch hätte alles so weiterlaufen können, das Leben mit Robert in dem Haus vor der Stadt - wäre nicht plötzlich Jonas aufgetaucht, ein junger Regisseur, mit einem apokalyptischen Film, dessen Tonspur samt Tonmann auf unerklärliche Weise abhandengekommen ist. Die Geräuschemacherin soll nach Japan, genauer: nach Kyoto reisen, um die verlorene Tonspur zu rekonstruieren. Ein Angebot, das Frida voller Neugier annimmt, nicht ahnend, dass im Land der sprechenden Automaten und Sony-Rekorder mehr als nur technische Prüfungen auf sie warten. Die Begegnung mit dem jungen Takeshi bringt Fridas Welt ins Wanken. Und als sich, am 11. März 2011, ein weiteres schweres Beben ereignet, scheinen sich Ursache und Wirkung, Innen und Außen vollends zu verkehren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.01.2015

Katharina Granzin erkundet unterschiedliche Weisen, Lucy Frickes "Takeshis Haut" zu lesen: als Geschichte einer fragilen Liebe zwischen der Sound-Designerin Frida und dem japanischen Hauptdarsteller des Endzeitfilms, den sie derzeit vertont; als Essay über die eingeschränkte und individuell bedingte Wahrnehmung des Menschen, Frida sei schließlich "überwiegend Ohr"; als Mahnung an das Erdbeben von Fukushima, das im Roman anfangs noch aussteht; und schließlich einfach als Hommage an die komplizierte japanische Kultur, die gerade für eine Klangexpertin ungeheuer spannend sein muss, erklärt die Rezensentin. Das Erdbeben, das die Geschichte auf verschiedensten Ebenen durchrüttelt, erweist sich bei allem Schrecken immerhin als geniale Metapher, freut sich Granzin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2014

Lena Bopp gefällt es, an der Seite der Protagonistin ins fremde Japan zu reisen und dabei das der Heldin fremd gewordene eigene Leben gemeinsam mit ihr zurückzulassen. Dass diese Identitätssuche auf Japanisch nicht von Reisebilderklischees zerstört wird, liegt für Bopp an Lucy Frickes Vermögen, selbstironisch und sarkastisch zu erzählen und dem Leser Japan aus der Perspektive einer Sounddesignerin über den Sound von Stromleitungen und Ampeln zu erschließen. Das "Zwischenreich" zwischen 30 und 40, zwischen alt und jung, durchschreitet die Autorin mit diesem Buch sehr gekonnt, findet die Rezensentin. Und dass es sich um eine Auftragsarbeit des Goethe-Instituts in Kyoto handelt, merkt man wunderbarerweise auch nicht, meint sie.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.10.2014

Ersteinmal hatte Florian Kessler viel Spaß mit Lucy Frickes neuem Roman "Takeshis Haut", zum einen wegen des übertrieben bitter-komischen Humors der Autorin, der erst auf den zweiten Blick greift, zum anderen wegen ihrer wunderbaren Lautbeschreibungen, von denen es im Roman einige gibt, denn: die lakonische Hauptfigur Frida ist professionelle Geräuschemacherin beim Film, sie imitiert von knackenden Hüftgelenken bis zu Sturmgewehren so ziemlich alles, berichtet der Rezensent. Als Frida sich dann auf einer Reise nach Japan verliebt, befürchtet Kessler zunächst, dass der Existenzkrise mit einem einfachen Happy End beigekommen werden soll, unnötigerweise, aber dann kommt es ähnlich schlimm, so der Rezensent: ein Erdbeben führt zur Kernschmelze in Fukushima und fortan werden innere und äußere Katastrophe in strenger Analogie entwickelt, was den eigentlich schönen Roman leider vollkommen überfrachtet, wie Kessler bedauert.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.10.2014

Man kann die Lebenslagen der Protagonistin in Lucy Frickes neuem Roman "Takeshis Haut" anhand ihres Alkoholkonsums nachvollziehen, berichtet Margarete Stokowski: gemütlicher Wein, Sekt und Champagner für die Feierlaune, japanisches Bier und Sake auf Japanreisen, harte Spirituosen, um den Einbruch der Katastrophe zu verdauen, später wieder Bier, Wein, Sekt und noch mehr Bier, fasst die Rezensentin zusammen. Fricke erzählt die tragisch-komisch-romantische Geschichte einer Sounddesignerin, die für einen Auftrag nach Japan fliegt, sich dort verliebt und das Erdbeben und Fukushima miterlebt, so die Rezensentin. Und dass dieses Buch trotz der symbolischen Fracht, die es mit sich herumträgt - fiktive, private, gesellschaftliche und natürliche Katastrophen überlagern sich allenthalben -, großartig funktioniert, ist Frickes Talent geschuldet, Tragik und Komik so zu kombinieren, dass sie einander komplementieren, anstatt einander zu unterlaufen, erklärt Stokowski angetan.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 30.08.2014

Richtung Abgrund zeigt in diesem Buch laut Paul Jandl die Kompassnadel. Hinter Kleinigkeiten, hinter dem Privaten weiß er bei Lucy Fricke todsicher die ganz große Katastrophe lauern, ob in einer Lifestyle-Beziehung oder gleich in Fukushima. Beides verquickt die Autorin in ihrem Roman für Jandl nicht eben dezent, aber häufig "fast satirisch" bzw. filmisch, dabei derart kunstlos in der Sprache, dass der Rezensent den Plot stets als das Wichtigste an diesem Buch erkennt. Für Jandl ein lustvoll schräges, durchaus die Trivialität streifender Roman.