Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Luc Boltanski behandelt in seinen Frankfurter Adorno-Vorlesungen eine Frage, die vor allem die erste Generation der Frankfurter Schule umtrieb, die derzeit aber in der französischen Sozialtheorie sehr viel nachdrücklicher gestellt wird als hierzulande: Wie verhält sich das Wissen des kritischen Theoretikers zu den alltäglichen Urteilen der Akteure, in deren Namen er seine Kritik formuliert? Dabei bleibt Boltanski dem Grundmotiv treu, das ihn im Laufe der achtziger Jahre in immer deutlichere Distanz zu seinem Lehrer Pierre Bourdieu brachte. Er unterläuft die klassische Trennung zwischen den Perspektiven des soziologisch geschulten Kritikers und der in ihrer Alltagswelt befangenen Gesellschaftsmitglieder, insistiert auf der kritischen Kompetenz der "normalen" Akteure und weist der Soziologie die Aufgabe zu, jene Praktiken der Rechtfertigung zu beschreiben und theoretisch nutzbar zu machen, die wir alltäglich auch ohne wissenschaftliche Nachhilfe vollziehen. Boltanski formuliert hier erstmals eine umfassende Analyse der Herrschaft, die die Errungenschaften der pragmatischen Wende mit den Stärken der traditionellen kritischen Sozialwissenschaft verbindet.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.12.2010
Rezensent Martin Bauer holt ordentlich aus, um zu erklären, worin die Bedeutung des Soziologen Luc Boltanski und seiner Soziologie der Gesellschaftskritik bestehen: In den kritischen Sozialwissenschaften hatte Boltanski eine Art "kopernikanischer Wende" eingeleitet, als er begann, die Gesellschaftskritik selbst zum Gegenstand seiner soziologischen Untersuchungen zu machen. Auf diese Arbeit von 1991 greift Boltanski nun auch in seinen Frankfurter Adorno-Vorlesungen zurück, in denen er - ganz gegen den Strich des Instituts für Sozialforschung - die vielzitierte Herrschaftskritik als unsoziologisch verwirft. Boltanski ist ein Empiriker, weiß Bauer, und deshalb kann ein Herrschaft als abstraktes Objekt kein Gegenstand datengsestützter Forschung sein. Untersuchen ließen sich allenfalls Machtbeziehungen oder eben die Lebenswelten der Herrschaftskritiker. Wie Bauer dies bewertet, erfahren wir nicht, er belässt es in seiner Rezension bei der sehr anschaulichen Erklärung von Boltanskis Programm.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.06.2010
Ein "programmatischen Werk", das auf eine Erneuerung der kritischen Soziologie zielt, erblickt Rezensent Urs Hafner in Luc Boltanski neuem Buch "Soziologie und Sozialkritik". Ausführlich rekapituliert er die Herrschaftstheorie des französischen Soziologen und Bourdieu-Schülers und geht insbesondere auf dessen Ausführungen über Kritik und Institutionen ein, die als sich gegenseitig bedingende Pole einer Gesellschaft anzusehen sind. Während die Institutionen - also Regierungen, Gerichte, Polizei, aber auch offizielle Prüfungen, Rituale, Nationalhymnen usw. - darauf zielten, die Realität der bestehenden Ordnung zu zementieren, suche die Kritik zu zeigen, dass Realität immer konstruiert und veränderbar sei. Außerdem unterstreicht Hafner die Analyse der Schwierigkeiten, in den liberal-kapitalistischen Demokratien des Westens Kritik zu artikulieren. Er schätzt Boltanskis "Mut zur Vereinfachung", aber auch den manchmal "hohen Abstraktionsgrad" des Buchs. Besonders gefallen hat ihm die bissige Charakterisierung der "Verantwortungsträger" in Politik und Wirtschaft, die er als "humoristisches Glanzstück" lobt.
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