Leila Slimani

All das zu verlieren

Roman
Cover: All das zu verlieren
Luchterhand Literaturverlag, München 2019
ISBN 9783630875538
Gebunden, 224 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Nach außen hin führt Adèle ein Leben, dem es an nichts fehlt. Sie arbeitet für eine Pariser Tageszeitung, ist unabhängig. Mit ihrem Ehemann, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn lebt sie in einem schicken Viertel, ganz in der Nähe von Montmartre. Sie reisen, sie fahren übers Wochenende ans Meer. Dennoch macht Adèle dieses Leben nicht glücklich. Gelangweilt eilt sie durch die grauen Straßen, trifft sich mit Männern, hat Sex mit Fremden. Sie weiß, dass ihr die Kontrolle entgleitet. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlieren könnte. Trotzdem setzt sie alles aufs Spiel.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 16.05.2019

Eskapistische Sehnsüchte nach gefühlvoller Erotik, nach romantischen Liebesgeschichten oder angenehm verruchten Affären befriedigt dieses Buch nicht, warnt Rezensent Rainer Moritz - ganz im Gegenteil sogar: Wir sehen zunächst eine vermeintlich intakte, klassisch-gutbürgerliche Kleinfamilie mit Wohnung in Paris, mit Mann, Frau, Kind. So weit, so bekannt. Doch bald schon zeigt sich: in der Frau schlummert eine ungezügelte Begierde, eine Begierde danach, Objekt zu sein, sich von jedem beliebigen Mann nehmen und besitzen zu lassen. Wo diese Sucht herrührt, erfährt der Leser nicht, doch erkennt er bald, dass hinter diesem Wunsch eine tief empfundene Einsamkeit liegt. Diese Einsamkeit, so Moritz, wird hier auf "lapidare und zugleich grausame" Weise dargestellt. Slimanis Erzählkonstruktion schwächele zwar hier und dort, trotzdem hält der Rezensent diesen Roman für absolut gelungen - eine "moderne Umkehrung von Flauberts Madame Bovary".

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.05.2019

Rezensentin Mara Delius fragt sich, ob Leila Slimani vielleicht für eine "weibliche Sex-und-Gewalt-Ästhetik in der Literatur" stehen könnte: In ihrem neuesten Roman beschäftigt sich die Autorin laut Delius mit einer Protagonistin, die aus ihrem ereignislosen und sicheren Familienleben immer wieder ausbricht, um Gelegenheitssex zu haben, bei dem es bevorzugt rauer zugeht. Beeindruckt stellt die Kritikerin fest, dass Slimani dabei sogar die Vermischung von Sexualität und Gewalt, die männliche Kollegen wie Houellebecq, Littell und Co beschreiben, etwas angestrengt wirken lässt. Dass es der Protagonistin paradoxerweise darum geht, sich selbst zu bewahren, wenn sie sich beim Sex objektivieren lässt, hält die Rezensentin für eine feinsinnige und wertvolle Wendung, weshalb sie "All das zu verlieren" zum Erkenntnisgewinn wärmstens empfiehlt.