Der Wiener Literaturkritiker Klaus Nüchtern folgt bei seiner Durchquerung des "Kontinents Doderer" strikt der eigenen Neugierde. Er durchmisst ganz Sibirien, wo der Autor im Kriegsgefangenenlager zum Schriftsteller wird, und steigt die Stufen nicht nur der berühmten Strudlhofstiege hinauf, sondern auch ins Souterrain schlecht ausgeleuchteter Hausflure herab, wo die von Doderer inbrünstig gehassten Hausmeister hausen.
Akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, wird Doderers verschlungener Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit verfolgt. Nüchtern registriert die restaurativen Tendenzen Doderers ebenso wie dessen Tuchfühlung mit der Avantgarde und weist unter anderem nach, dass der passionierte Voyeur und arrogante Kinomuffel erstaunlich viel mit Alfred Hitchcock zu tun hatte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2016
Rezensent Friedmar Apel kann die Doderer-Lektüre nur empfehlen. Ebenso das Buch des Wiener Literaturkritikers Klaus Nüchtern, mit dem der Autor rechtzeitig zum 50. Todestag des Schriftstellers den Versuch einer Erinnerung an Doderers Vorzüge unternimmt, wie Apel erklärt. Als snobistisch und manchmal trivial, lang, aber unterhaltsam, komisch, spannend und nie langweilig definiert Apel mit Nüchtern den Stil Doderers. Wenn Nüchtern Doderers Spannungskonstruktionen mit Hitchcock vergleicht, die Erinnerungsräume beschreibt, die der Autor aufbaut, und die berühmte Strudlhofstiege als Metapher für Doderers Stil und seine Anthropologie deutet, fühlt sich Apel bestens informiert und zum Lesen angeregt. Das im Band enthaltene, mit Zitaten versehene Personenverzeichnis von Doderers Romanen scheint ihm ein Lesevergnügen für sich zu sein.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 15.10.2016
Für alle, die sich mit Thomas Bernhard langweilen, ist Heimito von Doderer immer noch ein "reizvoller Geheimtipp", versichert Rezensent Wolfgang Schneider, den die Lektüre von Klaus Nüchterns "gewitztem" Doderer-Buch noch in seinem Urteil bestätigt. Nüchtern arbeite sehr schön heraus, was das besondere an Doderer war - an seinen Stadtschilderungen, dem Voyeurismus, in dem er Hitchcock ähnelte (sogar ein Talent für Cliffhanger hatte er, so Schneider) und der Zuneigung für den Schlendrian, das Luschige, das die Österreicher so gern vorhalten zum Beweis, dass sie gar keine richtigen Nazis sein konnten. Doderers Sympathie für die Nazis hat seiner Beliebtheit offenbar auch nie geschadet. Besondere Empfehlung Schneiders ist Doderers Roman "Die Merowinger", der eine Therapie für Wutbürger bereitstellt. Zu Nüchterns Buch sagt der Rezensent, es verführe zum Dodererlesen. Und das ist doch das schönste Kompliment.
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