Klaus Briegleb

Missachtung und Tabu

Eine Streitschrift über die Frage: Wie antisemitisch war die Gruppe 47?
Philo Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783825703004
Kartoniert, 322 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Die Frage, an die diese Streitschrift erinnert, ist alt. So alt wie die "Gruppe 47" selbst und so wenig verjährt wie die "Antworten", die aus den Manifesten und Briefen dieser literaturpolitischen Nachkriegs-Gruppierung verlauten. Ihr Streben nach nationaler Normalisierung und Entschuldung und die dabei zutage getretenen Grobheiten haben überlebt, das zeigen gegenwärtige Debatten. Die "Gruppe 47" steht unter anderem für den Tatbestand, dass schon seit 1945 der Komplex genährt wird, in der "Opferbilanz" des Zweiten Weltkriegs (Günter Grass) werde das deutsche Leid gegenüber dem jüdischen nicht gerecht verbucht. Auch steht die Gruppe dafür, wie beharrlich und folgenschwer im deutschen Kriegsgewissen die Mentalitäten des unmittelbaren Nachkriegs steckengeblieben sind, jener fernen Zeit, als eine gerechte Auseinandersetzung mit der Schuld des "anderen" Kriegs, der allein gegen die Juden erklärt und geführt wurde, ausgeblieben ist.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.01.2003

Die These vom Antisemitismus der Gruppe 47 sei überhaupt nicht neu, schon allein, weil sich Klaus Briegleb bereits in mehreren Publikationen des Thema angenommen habe, meint Rezensent Christoph Bartmann. Aber auch diesmal scheint ihn Briegleb nicht überzeugt zu haben. Zwar setzt er den Vorwürfen, die Gruppe habe den Mord an den Juden ebenso verdrängt und verschwiegen wie jüdischen Re-Emigranten wie Paul Celan an den Rand gedrängt, nicht wirklich etwas entgegen. Doch stört er sich am Tenor der Schrift, die eher Herabsetzung als Dekonstruktion betreibe, obsessiv, aber nicht sorgfältig argumentiere. Das ganze Buch habe etwas "Hektisches, Unfertiges, Fuchtelndes", moniert Bartmann. Gut sei die Polemik, die sich meistens durch ihren moralischen Hochmut selber fessele, allerdings im Teil "Antisemitismus 2002", der sich mit "Martin Walsers Auschwitz" damals und heute befasst wie mit Günter Grass' "aggressiv belehrender Rechtahberei in jüdischen Angelegenheiten.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.01.2003

Jürgen Busche findet, das Thema des Buches hätte eine gute "Streitschrift" abgeben können, denn der Autor befasst sich in seiner philologischen Studie mit der Frage, wie antisemitisch die Gruppe 47, die Schriftstellervereinigung der Nachkriegszeit, war. Leider ist, wie der Rezensent mehrfach betont, das Buch sehr "mühsam geschrieben", und er beklagt die "Umständlichkeit der Rhetorik" Brieglebs. Doch räumt Busche ein, dass dies wohl auch an der Komplexität des Gegenstands liegt. Der "philologische Befund", den der Autor erhebt, sagt aus, dass die Schriftsteller der Gruppe 47 die Judenverfolgung hauptsächlich verdrängten und die Juden unter den Gruppenmitgliedern als Gefährdung ihres Gruppenzusammenhalts erlebten, fasst Busche zusammen. Er lobt deshalb den Autor dafür, "historisch durchtränkte Texte" der Gruppe 47 zum Sprechen gebracht und den verdeckten Antisemitismus an die Oberfläche gebracht zu haben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.01.2003

Die Diagnose eines intellektuellen Antisemitismus bei der Gruppe 47 wird nach Auskunft von Rezensentin Meyer-Gosaus heute von etlichen Forschen geteilt. Dennoch hat sie Klaus Brieglebs Streitschrift über Eben diesen Antisemitismus der Gruppe 47 nicht wirklich überzeugt. Zu ihrem Bedauern verspielt Briegleb nämlich die Chance, anhand von Fakten, Reden und Taten am Beispiel der "Nussschale Gruppe 47" nachzuweisen, dass die Gruppe "vereint (war) im Faszinosum der Angst, mehr von einander zu erfahren, als man erfahren wollte" (Briegleb). Stattdessen verbeiße sich Briegleb in die Figur des "onkelhaft erscheinenden" Moderators Hans Werner Richter, der, so Meyer-Gosau, "seiner Gruppe mit der Maxime ?keine Grundsatzdiskussion' ein neues Selbstbewusstsein im Wege der ?Schuldverneinung' verordnen und mit dem Diktum ?Nicht zu uns gehörig!' das leibhaftig anwesende Jüdische - Paul Celan, Marcel Reich-Ranicki -exkommunizieren wollte." Meyer-Gosau moniert zudem, dass Briegleb nicht über den Tellerrand der Gruppe 47 blicke, und ihm so entgeht, dass die in der Gruppe 47 spontan hochschnellenden antisemitischen Ressentiments tatsächlich "mentale Strukturen von langer Dauer" und "kein Problem der Gruppe 47 allein waren".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.01.2003

Dorothea Dieckmann bezeichnet in ihrer eingehenden Besprechung des Buches über die Frage, "wie antisemitisch" die Gruppe 47 war, die Lektüre als tiefe "Enttäuschung", doch artikuliert sich diese im Lauf der Kritik vor allem als Ärger und Empörung. Das Buch präsentiere sich als "Streitschrift", und der Autor als "Rufer in der Wüste", der der Gruppe 47 vor allem die Tabuisierung der Shoah vorwirft, so Dieckmann zusammenfassend. Sie ärgert sich vor allem über Brieglebs Mangel an "argumentativer Redlichkeit", der sich in "gönnerhaft-aggressiver Pädagogenpose" beispielsweise über die "Intrige" gegen Celan auslasse. Die Quellen, die der Autor zur Stützung seiner Antisemitismus-These vorzuweisen hat, habe er entweder selbst längst anderswo verwertet, oder fremden Forschungsarbeiten entnommen, moniert die Rezensentin. Zudem wirft sie Briegleb rhetorisch geschliffen "penetranten Urteilsjargon permanent wertender moralischer Subjektivität" vor, der einen unverstellten Blick unmöglich mache. Das findet Dieckmann umso bedauerlicher, als dass sie sich eine "potentiell wertvolle Erklärung des Nachkriegs-Antisemitismus" erhofft hatte. Briegleb hat mit dieser Polemik sein "Material verschleudert", so Dieckmann erbost, und somit die durchaus "fruchtbaren Hinweise", die in dem Buch auch enthalten sind, zugeschüttet.
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