Wie erkennt man die wunden Punkte im Leben? "Taupunkt" führt fort und beschließt, was mit Kerstin Preiwuß' Gedichtband "Rede" begann und in "Gespür für Licht" seinen Lauf nahm: Für die Dauer einer Nacht setzt der Tonstrom ein. Unerschrocken dringt er durch die Schichten des Ichs. Dort setzt das Dichten an und sucht Zusammenhang. So weist "Taupunkt" immer in zwei Richtungen, bezeichnet den Schwellenwert, an dem Zustände sich trennen, und führt Fühlen und Wissen zusammen, ist Messkategorie und Metapher.
Rezensent Carsten Otte bespricht vier neue Gedichtbände - von Alexandru Bulucz ("was Petersilie über die Seele weiß"), Norbert Hummelt ("Sonnengesang"), Marion Poschmann ("Nimbus") und Kerstin Preiwuß ("Taupunkt") - deren Lyrik einiges gemeinsam hat: Das Thema Vergänglichkeit und Tod, aber auch die Bezugnahme auf lyrische Traditionen bis zur Antike. Der Titel von Kerstin Preiwuß' Band "Taupunkt" bezieht sich auf ein physikalisches Phänomen: den Moment, wenn sich Kondensieren und Verdunsten der Bestandteile eines feuchten Gasgemisches die Waage halten, erklärt Otte uns. Auf den Menschen bezogen ist der Sterbemoment ein solcher Taupunkt, der bei Preiwuß in Gestalt einer Tödin auftaucht, so der die "zauberschöne und enigmatische Abstraktion" der Gedichte bewundernde Rezensent. Anknüpfungen an die Tradition begegnen ihm hier viel versteckter, aber Wortzusammensetzungen wie "Bissköder" oder "Stimmruhe" erinnern ihn immer wieder an Paul Celan.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.06.2020
Rezensent Jörg Magenau entdeckt das poetische Prinzip der neuen Gedichte von Kerstin Preiwuß in der Sättigung der Reflexion - wenn im Sprechen das Nachdenken und Erinnern zum Vorschein kommt. In den Texten geschieht das zur nächtlichen Stunde, indem das Ich "Nachtgestalten" anredet, Innenwelt und Außenwelt verbindet, erläutert der Rezensent. Wie Preiwuß hier technische und emotionale Sprachebenen nebeneinander stellt, scheint Magenau aufschlussreich.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2020
Rezensent Harald Hartung folgt Kerstin Preiwuß in ihrem vierten Gedichtband durch ein "Konstrukt von Sparsamkeit und Dunkelheit". Den Sinn dieses Systems errät der Rezensent, indem er dem "Mäandern der Gedanken" folgt, der Geschichte einer unruhigen Nacht. Es geht darum, "Momente der Klarheit" zu erlangen, ahnt Hartung. Dass der Band auf Eigenheiten lyrischer Praxis verzichtet, auf Gattungsbezeichnung, Überschriften und Inhaltsverzeichnis, stört Hartung nicht. Er findet es schön und rätselhaft, ein Buch für Lyrik-Liebhaber, meint er.
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