Aus dem Amerikanischen von Friedhelm Rathjen. Mit seinen beiden "Alice"-Büchern befreite Charles Dodgson unter dem Pseudonym Lewis Carroll die Kinderliteratur vom moralischen Mief der viktorianischen Zeit. Aber sein genaues Verhältnis zu Alice Liddell, der Tochter seines Vorgesetzten am College, dem Mädchen, das seine Muse und sein Objekt war, bleiben rätselhaft.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2003
Holger Gumprecht widmet sich in einer Doppelbesprechung zunächst diesem Debütroman, der die Rätsel, die Leben und Werk des Autor der weltberühmten "Alice im Wunderland" Lewis Carroll der Nachwelt bis heute aufgibt, zu lösen versucht. Der Rezensent kann seine Enttäuschung angesichts der, wie er moniert, wenig originellen Erklärungsangebote der amerikanischen Autorin, nicht verhehlen. Nicht nur sei das meiste, was Roiphen in ihrem Roman fantasiert, bereits in ähnlicher Weise anderswo geschrieben worden, einiges sei auch "ziemlich an den Haaren herbeigezogen", beschwert sich Gumprecht. Insbesondere die Erklärung der Autorin für den plötzlichen Abbruch der Beziehungen zwischen den Familie von Alice Liddell und Lewis Carroll mit dem "Auftauchen von Nacktfotografien" der kleinen Alice findet der Rezensent nicht besonders erfindungsreich. Außerdem beschwert er sich über die übergroße Detailgenauigkeit der Autorin, mit der sie beispielsweise "zeitgenössische Darstellungen" über das Fotografhie-Handwerk wiedergibt.
Es ist schon phänomenal, wie sehr Lewis Carrolls Alice-Geschichten Eingang in die Literatur gefunden haben und wie groß die Fan-Gemeinde der "Alicianer" sei, staunt Michael Rutschky, der sich in seiner langen Besprechung selbst an persönliche "Alice-Erfahrungen" zurückerinnert. Recht umstritten sei Carroll, der mit bürgerlichem Namen Charles Lutwidge Dodgson hieß und in Oxford Mathematik lehrte, vor allem wegen seiner Liebe zu kleinen Mädchen gewesen. Dabei sei aber, glaubt der Rezensent, den Mädchen nichts passiert. Recht erstaunt ist Rutschky, dass sich nun die Postfeministin Katie Roiphe der Alice-Geschichte und des Autors angenommen hat und die Liebesgeschichte zwischen dem schüchternen Don und dem Mädchen mit "Deutlichkeit und Diskretion" erzähle. Geradezu "zärtlich" wisse die Autorin das Verhältnis zwischen dem älteren Mann und dem Kind zu schildern und lasse keinen Zweifel, dass es gegenüber dem Kind niemals zu Übergriffen gekommen sei.
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