Karl Heinz Bohrer

Ästhetische Negativität

Cover: Ästhetische Negativität
Carl Hanser Verlag, München 2002
ISBN 9783446200715
Gebunden, 421 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Haben die großen Schriftsteller das Problem der Zeit genauer erfasst als die Philosophen? Parallel zu den großen philosophischen Systemen der Positivität im frühen 19. Jahrhundert hat sich die Darstellung der negativen Zeiterfahrung als ein dominierendes Thema der Literatur durchgesetzt. Dem lauten Ja der Philosophie setzen sie ihr wohlformuliertes Nein entgegen. Karl Heinz Bohrer folgt der dunklen Linie, die sich von Leopardi über Kafka bis in die Gegenwart zieht, um die Struktur von Bewusstseinszeit und ihre imaginative Bearbeitung zu analysieren.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.03.2002

Karlheinz Bohrer ist für die Rezensentin Elisabeth Lenk seit Jahrzehnten ein verlässlicher Seismograph atmosphärischer Umschwünge. Seiner Aktualisierung der deutschen Romantik in den 70ern konnte sie ebenso folgen wie seiner "Ästhetik des Erhabenen", die irgendwie der deutschen Einheit im voraus wetterleuchtete. Mit dem neuesten Schlagwort, der "ästhetischen Negativität", hat sie nun aber ganz unübersehbar ihre Schwierigkeiten. Nicht so sehr, weil ihr die Richtung nicht passt, eher weil sie nicht recht begreift, worauf das hinauswill. Etwas verärgert registriert Lenk, dass Bohrer es liebt, "Noten zu geben": Kafka kommt am besten weg, aber Nietzsche, Derrida, Heidegger und Blanchot scheitern bei der "Negativitäts-Prüfung". Das ästhetisch Negative, auf das es Bohrer ankommt, ist, so Lenk irritiert, eine "eigenartige Sterbe-Ästhetik" jenseits des historisch, soziologisch, politisch Greifbaren. Von Seite zu Seite wird das Buch dabei "immer mystischer", ist Vorbereitung aufs "spurlose Verschwinden", vulgo: den individuellen Tod. Am Ende scheint die Rezensentin ratlos, Bohrers "ziemlich hölzerne Prosa" zählt auf jeden Fall zu den genau benennbaren Schwächen des Buchs.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.03.2002

Ludger Heidbrink begnügt sich im wesentlich mit einer referierenden Kritik des Buchs, um nur am Ende leichte Zweifel anzumelden. Wie die anderen Rezensenten des Buchs auch beschreibt er zunächst Bohrers (von außen etwas banal wirkenden) Begriff der bloß verfließenden Zeit, der haltlosen Gegenwart, in der wir angeblich stecken und die von den Philosophen - und zwar selbst von Nietzsche, Heidegger oder Adorno - in einer Art professioneller Blindheit verkannt, ja verharmlost werde. Nur die Literatur blicke ihr ins Gesicht. Einen "antiphilosophischen Affekt" macht Heidbrink bei Bohrer aus und wirft ihm außerdem Unklarheit vor, denn er hat Zweifel daran, ob die Gegenwart als bloß verschwindender Moment überhaupt wahrgenommen werden kann: "Der Zustand des negativen Augenblicks ist nicht lebbar, er bleibt ein imaginatives Konstrukt". Und da hilft nicht mal Kafka.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2002

Norbert Bolz nähert sich dem Buch mit leichtem Spott, betont die Zunftferne seines Philosophentums, das von Bohrer ja gerade im Namen der "schwarzen Moderne" der Literatur in Bausch und Bogen als "versöhnlerisch" abgetan wird. Auch der Titel des Buchs kommt Bolz leicht verschmockt daher: "Das Buch hätte gut in die Siebziger gepasst." Aber dann erweist Bolz ihm doch die Ehre einer recht intensiven Lektüre. Um das "vernichtende Zeitgefühl der stets verfehlten Präsenz" gehe es bei Bohrer, die Zeit als reine verschwindende Gegenwart, gegen die seit der Moderne keine Religion und Philosophie mehr einen Trost parat habe. Philosophie kann diesen Zustand nicht einmal denken, paraphrasiert Bolz den Autor. Nur in der Literatur - bei Autoren wie Cioran, Kafka oder Leopardi - lässt er sich in radikaler Negativität umschreiben. Bolz referiert brav, weist nach, wo Bohrer sogar noch über Adornos Denken der Negativität hinausgeht, und bekennt am Ende dann doch seine Genervtheit über diese "Rhetorik des Leidensstolzes und der auftrumpfenden Untröstlichkeit", die ihm wie ein Rückfall in die Zeit vor dreißig Jahren erscheint. Immerhin empfiehlt er den Band als "hervorragendes Brevier für schwermütige Literaturwissenschaftler".
Mehr Bücher aus dem Themengebiet