Ihre Wundermänner schaffen sich die Menschen selbst, je nach ihren Wünschen und Bedürfnissen. So geschah es auch im europäischen Judentum, dessen Wundermänner den Titel eines Ba'al Schem trugen, das heißt "Meister des göttlichen Namens". Dank einer Vielzahl himmlischer Namen hatten die Ba'ale Schem teil an Gottes Schöpfermacht und konnten damit Wunder wirken, meist mithilfe von Amuletten heilen und sogar einen Golem erschaffen.
Im Laufe von zehn Jahrhunderten wandelten sich jedoch die Vorstellungen der Menschen davon, wie die erwarteten Wunder auszusehen hatten. Erhofften die einen nur ein Tun zur Verherrlichung Gottes als Beweis der Überlegenheit der jüdischen Religion, so erwarteten andere Schutz vor Feinden, insbesondere den christlichen, vor Krankheit, Kinderlosigkeit und Armut. Aber auch Verbrecher mussten ausfindig gemacht und die Kräfte mit christlichen Zauberern gemessen, Überlegenheit über Dr. Faust und andere Magier bewiesen werden. Um die Gunst der weltlichen Herrscher zu gewinnen, wurden auch Schlösser und Gastmähler herbeigezaubert und Wein aus der Wand gezapft. Die Freimaurer suchten Schätze und okkulte Erfahrungen bei den Ba'ale Schem, und ab dem 18. Jahrhundert erwartete man im osteuropäischen Ḥasidismus auch Hilfe aus der Sündennot und aus dem Rad der Seelenwanderung.
Alle diese Bedürfnisse veränderten und entwickelten sich fast gleichzeitig mit einem fortschreitenden allgemeinen Wandel des Bewusstseins und der Mentalitäten. Insofern kann man die von Karl E. Grözinger vorgestellte tausendjährige Geschichte des aschkenasischen Ba'al Schem auch als ein Spiegelbild der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte lesen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2017
Joseph Croitoru lernt beim Judaisten Karl E. Grözinger die Geschichte der und die Erzählungen um die jüdischen Wundermänner kennen. Ihr Wirken und ihr Einfluss zeichnet der Autor laut Rezensent entwicklungsgeschichtlich als Spiegel europäischer Geistesgeschichte nach. Anschaulich und klar strukturiert erscheint der Text dem Rezensenten. Den Fokus auf Deutschland versteht der Rezensent unmittelbar, da der Autor die Wiege der aschkenasischen Ba'al-Schem-Tradition in Worms und Umgebung verortet. Durch Grözingers Unterscheidungen dieser Tradition, etwa von der schwarzen Magie, bekommen die Wundermänner für den Rezensenten als Volksretter Kontur.
Norbert Gstrein: Im ersten Licht Zwei Weltkriege, ein Jahrhundert: ein eigenwilliges Leben voller Schönheit, Tragik und Widersprüche. Norbert Gstrein schenkt uns ein ganzes Menschenleben. Dabei ist jedes… Jana Hensel: Es war einmal ein Land In ihrem neuen Buch erzählt die Bestsellerautorin Jana Hensel vom Ende eines großen Traums. Denn das, was vor über 35 Jahren als Aufbruch in eine neue Ära begann, wird nun… Robert Menasse: Die Lebensentscheidung Frustriert von den Mühlen der Bürokratie, trifft Franz Fiala eine "Lebensentscheidung" und wirft seinen Job bei der Europäischen Kommission hin. Als er seine Mutter zum 89.… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…