Juri Wynnytschuk

Im Schatten der Mohnblüte

Roman
Cover: Im Schatten der Mohnblüte
Haymon Verlag, Innsbruck 2014
ISBN 9783709971451
Gebunden, 456 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil. Ein Ukrainer, ein Deutscher, ein Pole, ein Jude. Die Heimat der vier jungen Freunde, das multikulturelle Lemberg der 1930er, ist ein bunter Ort voller bezaubernd kurioser Figuren von der Großmutter, die leidenschaftlich als professionelles Klageweib arbeitet, bis hin zur uralten Bibliothekarin, die nicht sterben kann, bevor ihr Verlobter nicht aus den mystischen Tiefen der Regalreihen zurückgekehrt ist.
Mit der Ankunft der Sowjets und später der Nazis wandelt sich die Stadt in einen düsteren Ort. Inmitten der Kriegswirren hinterlässt eine schicksalhafte Melodie Spuren, die bis in die Gegenwart führen: der Todestango. Auf geheimnisvolle Weise bringt er die Erinnerung an ein früheres Leben zurück und macht so möglich, dass geliebte Menschen sich wiederfinden können dort, wo der Mohn tanzt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2014

Rezensent Michael Krüger kann Jurij Wynnytschuks fantastisches Buch nur jedem Leser empfehlen. Nicht nur, um zu erfahren, was die Ukrainer von den Russen halten (wenig), sondern um an der Traurigkeit und der Komik teilzuhaben, die der Autor in seine Geschichte legt und an der Lebendigkeit, die den Leser sogleich gefangen nimmt, wie Krüger versichert. Dass die Geschichte von vier Freunden unterschiedlichster Herkunft von Wynnytschuk mittels rascher Personen- und Zeitwechsel erzählt wird, die den Rezensenten an Ecos "Der Name der Rose" erinnern, um die zwei Weltkriege kreist, scheint Krüger mitunter zu vergessen, derart warm und liebevoll schreibt der Autor über Sprachen, Religionen, Gerüche und Gerichte.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 22.11.2014

Wie Lemberg zu verschiedenen Zeiten aussah, ahnt Inga Pylypchuk bei der Lektüre von Jurij Wynnytschuks Roman, der die Geschichte der Stadt durch verschiedene Figuren und Zeiten wie im Zeitraffer erscheinen lässt, wie die Rezensentin erklärt. Lemberg in den Dreißigerjahren, wie der Autor es halb fiktional, halb als historische Rückschau darstellt, verweist laut Rezensentin sogar auf die heutige Situation in der Ukraine. Davon abgesehen jedoch hat der Roman für Pylypchuk wenig zu bieten, auch da das Sprachwirrwarr aus Jiddisch, Polnisch, Deutsch, Ukrainisch, das der Text im Original rüberbringt, in der Übersetzung verloren geht. Überflüssige Szenen, schwache Dialoge und Klischees, die die Sowjets böse und die Nazis sogar erträglich erscheinen lassen, wie Pylypchuk staunend feststellt, machen das Buch für die Rezensentin nicht eben zu einem literarischen Hochgenuss.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.10.2014

Bernadette Conrad findet es schade, dass Jurij Wynnytschuks "Tango Smerti" in der deutschen Übersetzung seine wichtigste Spur, den "Todestango", nicht mehr im Titel trägt: "Im Schatten der Mohnblüte" heißt er jetzt. Dabei wird der Todestango, den ein jüdischer Häftling im Lemberger KZ Janowska während der Vernichtung anderer Insassen aufspielen muss, in diesem Buch zum "tröstlichen Symbol des Subversiven", zu dem, was sich nicht totkriegen lässt, was noch nach dem Tod Erinnerung stiftet, erklärt Conrad. Auf die Spur dieses Tangos gerät ein Altphilologe, der das verlorene Lemberg, das ukrainische Lwiw, das polnische Lwow, erforscht, von dem außer Steinen nichts geblieben ist: "alles andere, Menschen, Sprache, Kultur, ist verschwunden", zitiert die Rezensentin. Ob er auch auf die parabelhafte Geschichte der vier Freunde stößt, die Wynnytschuk erzählt, verrät Conrad allerdings nicht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.10.2014

Als ebenso tragisches wie auch vergnüglich zu lesendes Buch lobt Rezensent Volker Breidecker Jurij Wynnytschuks nun auf Deutsch erschienenen Roman "Im Schatten der Mohnblüte". Gleich vier Generationen folgt der Kritiker in diesem großen Epos durch das alte, aber auch neuere Lemberg, in dem er zunächst der Ukrainerin Wolodsja, der Polin Jadsja, der Jüdin Golda und der mit einem Prager Deutschen verheirateten Rita, später deren Söhnen begegnet. Der Rezensent erlebt hier abwechselnd das anschaulich und sinnlich geschilderte Alt-Lemberger Alltagsleben um 1919/20, die Ereignisse um 1939 bis 1942 und 1989/90. Dabei lobt er insbesondere das Vermögen des Autors, Fiktion, Magisches und Wirklichkeit zu verweben und entdeckt hier nicht nur Anleihen an Borges und Marquez, sondern bewundert auch die "groteske", an Gogol erinnernde Komik dieses brillanten Romans.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2014

Juri Wynnytschuks "Im Schatten der Mohnblüte" ist nicht nur ein fabulierfreudiger Roman über Lemberg, freut sich Rezensent Ulrich M. Schmid, sondern zugleich auch historische Aufarbeitung, kabbalistisches Traktakt, Schelmengeschichte und Beschwörung einer untergegangenen Stadtkultur. Kunstvoll verwebe Wynnytschuk die Geschichte des Ukrainers Orest Barbaryk, der durch die deutsche Besatzung seine deutschen, polnischen und jüdischen Freunde aus den Augen verliert, aber im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer wieder zurückgewinnt, mit der Geschichte des Forschers Mirko Joresch im heutigen Lemberg. Das Buch kann man durchaus als Manifest für eine ukrainische Nationalkultur verstehen, räumt der Rezensent ein, Wynnytschuk mache aus seiner antirussischen Haltung keinen Hehl. Aber so lange der Autor seinen Sinn für Humor und Tragik nicht verliert, lässt Schmid sich das gern gefallen.