Mit einer Dokumentation deutschsprachiger Rezeptionszeugnisse zu Sade aus den Jahren 1768-1899. "So ein Buch", schreibt der Schweizer Historiker Johannes von Müller im Jahr 1800 über Sades Justine an seinen Bruder, "ist mir in der gantzen Litteratur nirgend vorgekommen". Er meint damit, "dass gar alles, alle Religion, alle Moral in allen Puncten durch diese Metaphysik angegriffen wird". Nur wenige deutsche Intellektuelle kannten die "Justine" oder weitere von Sade klandestin veröffentlichte Romane aus eigener Lektüre. So gestaltet sich der Versuch, die Quellen der Sade-Rezeption in Deutschland aufzufinden, als Spurensuche.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2003
Die Deutschen scherten sich nicht um den Marquis de Sade - das ist Alexander Kosenina zufolge der Befund von Julia Bohnengels Untersuchung. Und wenn doch, dann war er ihnen ein Symptom genereller französischer Abartigkeit. In seiner Heimat, erinnert der Rezensent, stand der Verfasser als Person am Pranger - hierzulande, das hat Bohnengel "mit höchster philologischer Akribie" herausgefunden, wurde er zunächst nicht einmal übersetzt, geschweige denn öffentlich diskutiert. De Sades Durchbruch fand in Deutschland nicht statt - weder als Philosoph noch als Wüstling. Goethe lieh die "Justine" kurz aus der Bibliothek, ohne auch nur einen Vermerk im Tagebuch zu machen. Bohnengels Studie mache deutlich, warum: "In Deutschland existierte einfach keine mit Frankreich vergleichbare Tradition aristokratisch libertiner Literatur."
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.05.2003
Eine bemerkenswerte Eigentümlichkeit bringe diese Rezeptionsgeschichte des Marquis de Sade im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts nach Meinung von Ursula Pia Jauch zu Tage. Denn in den Urteilen seiner Zeitgenossen habe nicht der Schriftteller oder die Person im Mittelpunkt gestanden, sondern der vermeintliche französische Nationalcharakter. Die "literarischen Grausamkeiten", fasst Jauch das gängige Urteil, "seien ein folgerichtiger Ausdruck der französischen Revolution und der Bestialitäten der Terreur". Besonders bemerkenswert erscheint Jauch der Umstand, dass wenige der damaligen Rezensenten das Buch wirklich gelesen hatten. Die Autorin Julia Bohnenegel ist sich nach Jauchs Einschätzung des Grenzen ihres Buches voll bewusst, nämlich dass "die Philologie zwar Deutungshinweise geben kann, aber doch kein finales Licht werfen kann in die letzten Winkel einer Wirkungsgeschichte", die über die literaturgeschichtliche Rezeption weit hinaus und in die Medizin hineingeht.
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