Seinen Aufbruch zu neuen Horizonten hatte sich der junge Mann anders vorgestellt. Etwas mit Geographie wollte er werden und bringt es erst einmal zum Straßenbahnfahrer. Später wird er Ingenieur in Dresden und kommt dienstlich herum in der DDR und dem Ostblock: als Entwickler der "Zahlbox", eines Kassiersystems für öffentliche Verkehrsmittel. Dann fällt die Grenze, und der zum Zeitzeugen mutierte Ost-Mensch wird eingeladen, an amerikanischen Universitäten vom Alltag und Empfinden der Deutschen hinter der einstigen Mauer zu berichten. Joochen Laabs erzählt in seinem Roman "Späte Reise" von Lebens-Räumen und Landschaften: Hier wird ein ganzes Leben im eigentlichen Wortsinn "erfahren": mit dem Rad auf dem Weg zur Schule; mit der Straßenbahn samt ihrer "Bodenhaftung und Linientreue"; im Auto beim Transport der hart erkämpften Schrankwand in die neue Dreiraumwohnung und durch die gewaltige Weite der Vereinigten Staaten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.09.2006
Gern hat Kristina Maidt-Zinke umgesattelt für diese Lektüre: Von den heute üblichen "Tempomaschinen" auf die gute alte Tram. Voller Hochachtung spricht sie von der Besonnenheit und Bescheidenheit des Autors und der den Roman prägenden Langsamkeit. Dass Unspektakuläres nicht uninteressant sein muss, dafür ist ihr Joochen Laabs verspäteter DDR-Roman ein Beweis. Um es so zu sehen und sich dem Rhythmus des Textes anzupassen, empfiehlt sie dem Leser allerdings ein paar Entspannungsübungen. Auf diese Weise entstehe zweierlei: Ein "atmosphärisch dichtes" Bild der USA vor dem Golfkrieg sowie dasjenige der "untergegangenen Gegenwelt", beides aus Sicht des semibiografischen Helden. Zwar findet die Rezensentin die zwischen beiden Welten herrschende Spannung bloß vermindert, nicht aufgelöst, eine neue Perspektive scheint ihr das Buch dennoch zu eröffnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2006
Sabine Doering mag es still und leise. Deswegen gefällt ihr der autobiografisch angehauchte Roman des eher unbekannten Autors Joochen Laabs, eines ehemaligen Straßenbahnfahrers und späteren Verkehrsforschers der DDR. Reizvoll erscheint der Rezensentin das verhandelte Aufeinandertreffen von DDR-Geschichte und US-amerikanischer Realität, der sich der Erzähler nach der Wende aussetzt, reizvoll allerdings nicht in seiner Funktion als Gesamtkomposition des Romans, sondern in seinen konkreten miniaturartigen Schilderungen. Die, so Doering, seien "voll Witz" und zeugten von "großer Sympathie" des Verfassers für seine so gar nicht heldenmäßigen Figuren.
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