Jón Kalman Stefánsson

Himmelskörper am Rande der Welt

Roman
Cover: Himmelskörper am Rande der Welt
Piper Verlag, München 2026
ISBN 9783492074582
Gebunden, 400 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Die Wahrheit sagen oder die retten, die man liebt? Aufgewühlt schreibt Pfarrer Pétur einen Brief an seine Tochter und schildert, was seine kleine isländische Gemeinde erschüttert: In den Westfjorden werden 1615 über dreißig gestrandete Walfänger gemeuchelt. Wie nur, fragt Pétur, können gute Menschen so grausam, so barbarisch sein? "Himmelskörper am Rande der Welt" spricht aus einer fernen Zeit zu unserer Gegenwart - über Liebe, Menschlichkeit und die Verantwortung, die wir füreinander tragen. In einer von Leidenschaft und Neugier geprägten Epoche ringt ein Pfarrer mit dem Glauben - und muss entscheiden, ob er der Macht oder der Wahrheit dient.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 30.07.2026

Jón Kalman Stefánsson legt laut Rezensent Wolfgang Schneider einen reichhaltigen Roman vor, der tief eintaucht in die Geschichte und das Selbstverständnis Islands. Ausgangspunkt ist ein reales Massaker: Anfang des 17. Jahrhunderts wurden spanische Walfänger, die auf der Insel gestrandet waren und dort ein paar Jahre lang gelebt hatten, von Einheimischen brutal ermordet. Bei Stefánsson wird diese Geschichte von Pétur erzählt, einem Pfarrer und Intellektuellen, der in seiner Darstellung der Ereignisse nicht nur an der Ignoranz seiner Landsleute verzweifelt, sondern auch an seiner eigenen Rolle in der Geschichte. Denn obwohl er sich als ein aufgeklärter Mann des Wortes versteht, wurde eben seine Wortgewandtheit dazu ausgenutzt, die Spanier in eine Falle zu locken. Stefánsson ist Schneider zufolge ein vielschichtiger Buch gelungen, das "gleichermaßen beschauliche und grässliche, skurrile und groteske Szenen" enthält und auf unaufdringliche Weise Fragen unserer Gegenwart bearbeitet. Ein wenig langatmig ist das Buch schon, schränkt der Rezensent sein Lob ein. Insgesamt bespricht Schneider das Buch jedoch klar positiv - und lobt außerdem Karl-Ludwig Wetzigs Übersetzung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.07.2026

Die Chancen auf einen Literaturnobelpreis dürften sich für Jón Kalman Stefánsson mit diesem Roman noch erhöht haben, glaubt Rezensent Franz Haas: Die Geschichte orientiert sich an einem realhistorischen Gewaltexzess an schiffbrüchigen spanischen Walfängern 1615. Schon die Erzählkonstruktion ist aufregend: Überliefert ist das Ereignis real durch den Gelehrten Jón Gudmundsson, erklärt der Kritiker, hier erzählt ein Pfarrer in Briefen an seine Tochter, die allerdings nichts von diesem Verwandtschaftsverhältnis ahnt. Pfarrer Pétur ist gelehrt und gottesfürchtig, in seinen Predigten offenbart er trotz großer Gefahr, dass es ein Amtmann war, der den Mord an den gestrandeten Spaniern angeordnet hat - für Haas ein Wink auf heutige Ausländerfeindlichkeit. Ihn überzeugt neben der politischen Dimension besonders, wie die "Seelennöte" des Erzählers zwischen Kirche und Eros geschildert werden - in einer Zeit, in der Todesstrafe auf Ehebruch steht, kann er sich von den attraktiven Nachbarsfrauen kaum losreißen, alle lieben sich "kreuz und quer". Für den Kritiker "zwischen augenzwinkernder Schlüpfrigkeit und Gottesfurcht" ein kunstvoller, ernster und doch auch komischer Roman.

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