Jon Fosse

Melancholie

Roman
Cover: Melancholie
Kindler Verlag, Reinbeck 2001
ISBN 9783463403984
Gebunden, 445 Seiten, 25,51 EUR

Klappentext

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Düsseldorf, Mitte des letzten Jahrhunderts: Der norwegische Maler Lars Hertervig ist verliebt, wahnsinnig verliebt in Helene. Blau wie Helenes Augen ist der kleine Riss in der Wolkendecke, der seinen Landschaften ihr einzigartiges, geheimnisvolles Leuchten schenkt. aber Helene ist noch ein Kind, gerade fünfzehn Jahre alt. Lars darf das Mädchen nicht lieben und verliert darüber den Verstand. Er wird in seine Heimat abgeschoben und in die Hände von Ärzten gegeben. Die Diagnose: Melancholie. Lars will malen, nichts anderes, doch die Ärzte verweigern ihm Pinsel, Stifte und Farben. Ihm bleibt nur die Flucht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.03.2001

Noch vor gut einem Jahr war der norwegische Schriftsteller und Theaterautor Jon Fosse weitgehend unbekannt. Nun feiert man auf deutschsprachigen Bühnen seine Theaterstücke. Auch sein Roman über das Leben und das Leiden des Landschaftsmalers Lars Hertervig verspricht ein Erfolg zu werden, schreibt Aldo Keel. Schön ist, so der Rezensent, dass Fosse keine Geschichten erzählt, sondern Zustände entfaltet. Er schildere den "mentalen Raum" des Malers, das, was in dessen Kopf vorgegangen sein könnte. Keel vergleicht Fosse mit Thomas Bernhard, "Melancholie" mit dessen Buch "Der Untergeher" über Glenn Gould. Wie Bernhard habe auch der Autor in "Melancholie" ein fremdes Leben mit dem eigenen verwoben, denkt der Rezensent. Und wie bei Bernhard verortet er bei Fosse eine Obsession des Schreibens.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.03.2001

Rolf Michaelis betont, dass es sich hier- obwohl dieser Geschichte das Leben des Malers Lars Hertevig zu Grunde liegt - keineswegs um eine Biografie handelt. Es gehe mehr um das, was sich im Kopf eines Außenseiters abspielt, der mehrfach Ausgrenzung erlebt und aufgrund einer Schizophrenie letztlich in einer Anstalt landet. Dies erkläre auch etwas, was dem Leser zu Anfang des Buchs möglicherweise merkwürdig vorkomme, nämlich das stetige Wiederholen, Variieren und Umkreisen von Wortfolgen, "Endlosschleifen", bei denen sich Michaelis recht deutlich an "minimal music" erinnert fühlt, und die - so Michaelis - nichts anderes sind, als die kreisenden melancholischen Gedanken des Protagonisten, in denen es bestenfalls Akzentverschiebungen gibt. Ein anderer Aspekt, der dem Rezensenten überaus wichtig erscheint, ist die Rolle des Lichts: "Licht in allen Brechungen der Farbskala", das sogar bei den Schüben der Schizophrenie immer wieder bedeutsam wird. Insgesamt betont der Rezensent jedoch, dass Fosse hier keineswegs einen "Trauer-Roman, ein Vernichtungs-Buch" geschrieben hat, sondern einen faszinierenden Roman mit so zarten Szenen, wie man sie in der aktuellen "Rammelei-Literatur" nach Ansicht des Rezensenten nirgends finden könne.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2001

Das hört sich einfach gut an: "ein Kabinettstück interpunktionsgesteuerter Ambivalenz" heißt es bei Hermann Wallmann über das Schlusskapitel des ersten Teils im Roman des Norwegers Jon Fosse, der zur Zeit als Bühnenautor in ganz Europa gefragt ist. Der Roman, in dem ein Autor versucht, ein Buch über einen Maler zu schreiben, ist laut Wallmann von "hypnotisierender Eindringlichkeit" - womit wir wieder bei der Interpunktion angelangt sind, deren sparsame Handhabung einiges zu diesem Eindruck beigetragen haben dürfte. Zugleich sei der Roman eine Abrechnung mit dem Kunstbetrieb sowie mit jenen "Pathologisierungs- und Marginalisierungssanktionen", mit denen Außenseiter der Kunst immer zu rechnen hatten, schreibt Wallmann weiter. Das Schöne und Überraschende für ihn war, dass Fosse genau diese Thesen am Ende des Romans wieder aufhebt. Der Künstler als Mann, dem einfach gar nicht zu helfen war: Wallmann fühlt sich sowohl an Büchners "Lenz" wie an das Leben Robert Walsers erinnert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.03.2001

Richtig beeindruckt zeigt sich Rezensent Robin Detje von Jon Fosses Roman, und findet dementsprechend große Wort: er nennt das Buch einen Künstlerroman und auch einen "schweren Fall von Weltliteratur". Ausführlich schildert Detje den Inhalt: die Passagen, die im Kopf eines norwegischen Landschaftmalers im 19. Jahrhundert spielen, ebenso wie jene Passagen, die im Kopf des modernen Schriftsteller spielen, der über den Maler schreiben will und schließlich die Kapitel aus dem zweiten Teil, die im Kopf der Schwester des Künstlers spielen. Detje weist auch darauf hin, dass der Roman in Norwegen in zwei Bänden erschien, und hätte sich eine solche Ausgabe auch in Deutschland gewünscht - seiner Meinung nach hätte dies der inneren Zerrissenheit der Figuren und des Buchs besser entsprochen. Auch so nennt er "Melancholie" "ein düsteres, ein verzweifeltes Buch". Der Autor erreiche eine größtmögliche Dramatik durch die Art der Verschränkung seiner "Gegensatzpaare - Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit, Einfalt und Wahn". Detje beklagt sich in diesem Zusammenhang über die deutsche Literaturszene und wünscht dem Buch Gute "auf dem ganz auf handhabbare Kleinkunst fixierten deutschen Buchmarkt."
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