Aus dem Amerikanischen von Hannes Meyer. Gegen Ende seines Lebens wird der altgediente Sportreporter Mike Sullivan von seinem Sohn gefragt, was ihm aus drei Jahrzehnten auf nordamerikanischen Pressetribünen am deutlichsten in Erinnerung geblieben sei. Die Antwort überrascht: "Ich habe 73 Secretariat beim Derby rennen sehen. Das war reine … Schönheit, verstehst du?" John Jeremiah Sullivan versteht gar nichts. Also verbringt er die nächsten zwei Jahre damit, der väterlichen Begeisterung nachzugehen - für Secretariat, dieses mythische, geniale Rennpferd, und für Pferde überhaupt. Er reist kreuz und quer durchs Land, kriecht durch prähistorische Höhlen, vergräbt sich in der Kulturgeschichte des Equus caballus, verbringt Wochen auf runtergerockten Pferderennbahnen und besucht Gestüte, wo die Jungtiere auf die Saison vorbereitet und für Millionen Dollar versteigert werden. Und bei alledem versucht er, dem inzwischen verstorbenen Vater nachträglich doch noch nahezukommen. Memoir, Reportage, historische Erkundung: J. J. Sullivan hat ein schillerndes, eigensinnig bebildertes Buch geschrieben, über Herkunft, über das Verhältnis zu seinem Vater und über Pferde - in unserer Geschichte, Kultur und kollektiven Fantasie.
Rezensent Christian Metz lässt sich ein auf John Jeremiah Sullivans Essays zum Pferdesport, die auf sehr feinsinnige Weise auch Kulturgeschichte, Erinnerungen an seinen Vater, einen Sportreporter, und die Anschläge vom 11. September verbinden. Metz folgt dem Autor, den er als Meister des New Journalism preist, zum berühmten Kentucky Derby, er lässt seinen Vater von der Schönheit des Hengstes Secretariat schwärmen oder schildert, wie sich der saudische Prinz bin Salman just am 11. September 2001 bei einer Pferdeauktion in Lexington ein Bietergefecht um Secretariats Enkel mit dem emiratischen Kronprinzen liefert. Wie Sullivans Bilder und Gedanken verbindet, Schönheit und Geschwindigkeit, imponiert Metz sehr.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 05.11.2022
Rezensent Maximilian Mengeringhaus liest mit "Vollblutpferde" eine gelungene Synthese von fachlicher Recherche und persönlichem Memoir. Der Vater des Autors war Sportreporter, erfährt der Rezensent, und zeigt sich noch im Sterben beeindruckt vom Pferderennsport, Anlass genug für seinen Sohn, die Begeisterung dahinter verstehen zu wollen. Mengeringhaus findet die Episoden, die mal von lukrativen Pferdegestüten, mal von persönlichen Anekdoten über den Vater handeln, ausgewogen und aufrichtig, nicht idealisierend oder verteufelnd und empfiehlt diese "Hommage im doppelten Sinne", die sich dem Reitsport und dem Vater widme.
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