Königin Esther
Roman

Diogenes Verlag, Zürich 2025
ISBN
9783257073676
Gebunden, 560 Seiten, 32,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Peter Torberg und Eva Regul. Jimmy Winslow hat zwei Mütter. Honor, die ihn aufgezogen hat, schickt ihn als Studenten von New Hampshire nach Wien, wo er Vater werden soll. Das Wien der Sechzigerjahre ist ein Ort voller Geheimnisse und Versuchungen, und Jimmy springt kopfüber hinein und ist dabei immer auch auf der Suche nach seiner leiblichen Mutter Esther Nacht. Was er erlebt, ist eine spektakuläre Achterbahnfahrt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2025
In John Irvings neuem Roman fällt die in New Hampshire angesiedelte Familie Winslow vor allem dadurch auf, dass sie ungewöhnluch viel Wert auf Bildung legen: Nicht nur ihre drei Töchter sollen eine umfassende Ausbildung erhalten, sondern auch deren Kindermädchen, die allesamt aus Waisenhäusern stammen, wie Rezensentin Maria Wiesner weiß. In zahlreichen Rückblenden werde die Genese dieser Figuren erläutert, der Vergleich mit Charles Dickens liege nahe. Als die Familie ein viertes Baby bekommt, zieht die titelgebende Esther ein, um sich zu kümmern, sie ist eine Jüdin, ihre Geschichte wird das ganze 20. Jahrhundert umspannen, erfahren wir. Wiesner lobt, wie Irving die Suche nach der eigenen Identität mit der Liebe der Figuren zur Literatur verknüpft und damit einen "sehr gut" lesbaren Roman geschrieben hat.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2025
So ganz überzeugt ist Rezensentin Irene Binal nicht von John Irvings neuem Roman: Zu verworren und gleichzeitig nicht richtig auserzählt ist die Geschichte des Waisenmädchens Esther, die von ihren jüdischen Wurzeln fasziniert ist. Sie wird von der Familie Winslow als Kindermädchen eingestellt, mit der Tochter Honor schließt sie einen merkwürdigen Leihmutterschafts-Pakt, erfahren wir, später emigriert Esther nach Haifa. Die eigentliche Handlung wird immer wieder durch Exkurse, zum Beispiel zur Geschichte der Abtreibung in den USA, ergänzt, was Binal neben der Überlänge des Romans zusätzlich stört. Seine Ambitionen kann das Buch nicht ganz einlösen, schließt sie.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.11.2025
Rezensent Daniel Haas sieht dem inzwischen 83-jährigen John Irving viel nach: Die Tatsache, dass es auch im neusten Roman mal wieder um Unmengen von Brüsten geht ebenso wie den ein oder anderen Kalenderspruch. Viel zu bedeutend erscheint ihm der Autor, der sich nicht zuletzt dank seiner Mischung aus "Toleranz, Chuzpe und Mitgefühl" ins "kollektive Bewusstsein" geschrieben hat. Entsprechend wohlgestimmt lässt sich der Kritiker auf den sprachlich zwischen Balzac, Mann und Grass changierenden Riesenroman ein, in dessen Zentrum die titelgebende Esther steht, zionistische Kämpferin und Mossad-Agentin, an deren Schicksal Irving die jüdische Leidengeschichte und Gründungsgeschichte Israels erzählt. Und wenn Irving jene Esther schließlich als Racheengel verkünden lässt, Israel habe jedes Recht sich zu verteidigen, erkennt Haas nicht nur die Aktualität des Romans, sondern sieht Irving auch seine vermutlich "letzte ideologische Schlacht" kämpfen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 20.11.2025
Trotz einiger Kritikpunkte wandelt Rezensentin Andrea Gerk gern durch dieses erzählerische "Labyrinth", das zwar "immer mal wieder ins Leere wuchert", aber auch mit zahlreichen überraschenden Wendungen aufwartet. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Winslows, eine sympathische und außergewöhnliche Familie im New Hampshire des Jahres 1920. Die kümmern sich nicht um moralische Konventionen, sondern loben die Macht der Literatur und der Empathie, erzählt die Kritikerin. Eines Tages nehmen sie die vierzehnjährige Esther aus einem Waisenhaus bei sich auf, eine "fast mythische" Figur, wie die Kritikerin erklärt. Esther ist eine Art "geheime Heldin" des Romans, sie ist außerdem Jüdin und wird später nach Israel auswandern, lesen wir. Über sie flicht Irving eine Geschichte des Antisemitismus in seinen Roman und kommt immer wieder auf wichtige Themen des Judentums zurück. Das ist bei Weitem nicht der einzige Handlungsstrang in diesem komplexen Roman, versichert die Kritikerin, die als eingefleischter Irving-Fan zwar zugibt, dass das hier nicht sein bestes Werk ist. Trotzdem überzeugt sie die Geschichte als starkes Plädoyer für "Offenheit, Toleranz und Menschlichkeit" und auch die wie gewohnt eigentümlichen, fantasie - und humorvollen Figuren entschädigen sie großzügig für kleine Schwächen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.11.2025
Rezensent Boris Herrmann ist kein Fan des neuen John-Irving-Romans. Dessen Handlung dreht sich einerseits um ein jüdisches Mädchen namens Esther, dessen Eltern aus antisemitischen Gründen ermordet wurden und das unter anderem im Jahr 1934 Wien besucht und in der Nachkriegszeit als Zionistin nach Israel reist; andererseits und vor allem, so Herrmann weiter, geht es um Esthers Sohn Jimmy Winslow, der ein kaum verhohlenes Alter Ego des Autors ist und seinen Vater nie gekannt hat, was ihm zu schaffen macht. Leider, bedauert Herrmann, wird uns dieser Jimmy Winslow nie so eindringlich nahegebracht wie die Hauptfiguren früherer Irving-Romane, insbesondere die ersten paar Kapitel enttäuschen, weil sie recht willkürlich zwischen verschiedenen Themen hin und her springen, von den Mayflower-Pilgervätern zu Simon Wiesenthal zu den Brontë-Schwestern. Wenn das Buch schließlich doch noch deutlich besser wird und im Zuge einer selbstreflexiven Volte wieder zum alten Irving-Flow findet, ist es auch schon wieder fast vorbei, so der alles in allem enttäuschte Rezensent.