Jörg Baberowski

Die letzte Fahrt des Zaren

Als das alte Russland unterging
Cover: Die letzte Fahrt des Zaren
C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN 9783406830488
Gebunden, 380 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Die letzte Woche des Zarenreiches Ende Februar 1917: In den Palästen Petrograds wird getanzt und in den Opern gesungen, während sich auf den Straßen die Proteste ausweiten und die staatliche Ordnung in Bedrängnis gerät. Doch weil der Innenminister glaubt, alles im Griff zu haben, verlässt der Zar mit seinem glamourösen Hofzug die Hauptstadt. Er sollte sie nie wieder betreten, denn jetzt beschleunigen sich die Ereignisse. In einem alles mitreißenden Strudel geht das Zarenreich unter und mit ihm alle Alternativen, die Russland in eine andere Zukunft geführt hätten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2025

Offenbar interessiert arbeitet sich Rezensentin Kerstin Holm durch Jörg Baberowskis Buch über den Untergang des russischen Zarenreichs. Der Historiker Baberowski argumentiert Holm zufolge in diesem entlang einzelner Tage strukturierten Buch, dass das Zarentum vor allem scheiterte, weil es seine repressiven Mittel nicht hinreichend geschickt einzusetzen wusste. Durchaus mit Sympathie für autoritäres staatliches Handeln sind Baberowskis Ausführungen teilweise verfasst, findet Holm, die dem Autor durch die wichtigsten Stationen des Endes des Zarenreiches folgt und auch einige wichtige Protagonisten wie den unglücklich agierenden Innenminister Protopopow vorstellt. Die Vielstimmigkeit der historischen Erzählung, die Baberowski entwirft, erinnert die Rezensentin an Tolstoi. Weiterhin geht Baberowski auch auch die enthemmte Atmosphäre der Revolutionszeit ein, die mit einem Sieg der Bolschewisten über demokratisch gesinnte Kräfte endet, und damit mit dem Triumph der einzigen Fraktion, die Willen zum diktatorischen Handeln zeigt, resümiert die Kritikerin. Sie fühlt sich am Ende ihrer weitgehend wertungsfrei verfassten Rezension angesichts der von Baberowski beschriebenen Entwicklung an die putinistische Gegenwart erinnert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.04.2025

In seinem neuen Buch schildert Jörg Baberowski eindrucksvoll den Zerfall des russischen Zarenreichs im Revolutionsjahr 1917, staunt der Rezensent Michael Hesse. Der Erste Weltkrieg hatte das Reich politisch und sozial zermürbt: Als im Februar 1917 Arbeiter streiken und Soldaten meutern, bricht der Staat wie ein Kartenhaus zusammen, lesen wir. Zar Nikolai II., von Baberowski entscheidungsschwach und weltfern porträtiert, unterschätzt die Lage völlig. Baberowski beschreibt, wie die Eliten in aristokratischer Selbstzufriedenheit verharren, während draußen die Revolution tobt, so der Kritiker. Die provisorische Regierung zeigt sich handlungsunfähig - und macht so den Weg frei für Lenin, der im Oktober 1917 mit einem Staatsstreich übernimmt. Baberowski gelingt es, die komplexen Umbrüche spannend und analytisch scharf nachzuzeichnen, lobt Hesse. Am Ende bleibt dem Kritiker nur noch zu sagen: "Wer Revolutionen verstehen will, sollte dieses Buch lesen".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2025

Hier bespricht Gerd Koenen den Kollegen Jörg Baberowski, also der berühmteste Russland-Historiker den anderen berühmtesten Russland-Historiker. Diesen neuen Band Baberowskis nach seiner monumentalen Studie "Der sterbliche Gott" über das Ende des Zarenregimes liest Koenen als eine Ergänzung. Es geht um das chaotische Jahr 1917, das Baberowski in vielen Facetten und Zeitzeugenberichten schildere. Dabei aber ist das Buch zugleich ein "Thesenbuch", merkt Koenen an. Und diese von Koenen zitierten Thesen Baberwoskis klingen ein ganz klein bisschen so, als finde Baberowski ein stabiles Terrorregime dann doch besser als die "uferlose Gewalt" einer Umsturzsituation. In einer solchen Umsturzsituation hat jedenfalls nach Baberowski derjenige die besten Chancen, der am entschlossensten agiert, und das war bekanntlich Lenin. Die andere Maxime Barberowskis, die Koenen zitiert, heißt "Jede Ordnung ist besser als keine", ist also mit der ersten Einsicht verwandt. Koenen klingt am Ende ein bisschen skeptisch. Bei Baberowski erscheint ihm Lenin allzu sehr als der logische Endpunkt der Geschichte.