Joachim Dyck

Der Zeitzeuge

Gottfried Benn 1929-1949
Cover: Der Zeitzeuge
Wallstein Verlag, Göttingen 2006
ISBN 9783835300248
Gebunden, 463 Seiten, 39,00 EUR

Klappentext

Zwischen Gottfried Benns erstem internationalen Ruhm 1929 und seinem fulminanten Comeback 1949 liegen zwanzig Jahre, die das Ende der Weimarer Republik, die Jahre des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs und schließlich die frühe Nachkriegszeit umfassen. Die Position des Autors zwischen Literatur, Politik und Zeitgeschichte in diesen Jahren zu bestimmen, hat immer wieder Anlass zu heftigen Kontroversen gegeben. Eine umfassende Biografie, die Antworten auf die vielen offenen Fragen gibt, fehlt bis heute. Joachim Dyck hat nun erstmals diesen biografisch und künstlerisch zentralen Zeitraum vor dem Hintergrund breiter Quellenkenntnis umfassend dargestellt. Die wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen Gottfried Benn seinen Beruf als Arzt ausübte, werden ebenso einbezogen wie die literarischen Debatten und intellektuellen Orientierungsversuche in einer Zeit der intellektuellen Krisen und politischen Umbrüche. Auch Benns persönliches Umfeld, seine Liebesbeziehungen und Freundschaften, werden nicht ausgespart.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2006

Kritisch betrachtet Friedmar Apel diese Untersuchung über den "Zeitzeugen" Gottfried Benn, die Joachim Dyck vorgelegt hat. Übertrieben findet er die Vehemenz, mit der der Autor mit der bisherigen Benn-Forschung ins Gericht geht. Ungut scheint ihm die apologetische Haltung Dycks, zu der er sich gleichwohl nicht bekennt. Ob Benn sich wirklich zum exemplarischen Zeitzeugen der Jahre 1929 bis 1949 eignet, ist für Apel zweifelhaft. Diese Zweifel zu zerstreuen gelingt Dyck keineswegs. Trotz der vielen Quellen und Informationen zum Verhältnis von Literatur und Politik, die Dyck anführt, bleibt für Apel "unerfindlich", "warum gerade Benn ein exemplarischer Zeitzeuge sein soll". Besonders die Ausführungen über Benns Äußerungen zum Nationalsozialismus findet Apel quälend, weil flau und unentschieden. Nicht verschweigen will Apel einige gelungene Kapitel, die dem Leser ein "facettenreiches Bild" von Benns Lebensumständen vermitteln. Allerdings bleibt auch hier der Ertrag im Blick auf Benns Dichtung seines Erachtens recht "spärlich".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.07.2006

Einigermaßen entsetzt zeigt sich der Rezensent Manfred Koch von Joachim Dycks Versuch, den Dichter Gottfried Benn gegen den Vorwurf der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten freizusprechen. Dieser Vorwurf, so Dyck, sei nichts als ein Topos, den er dann unter anderem mit dem Hinweis darauf, Benn habe nur die Preußische Akademie der Künste retten wollen, widerlegen will. Nicht einen Schritt will Manfred Koch den Argumenten Dycks folgen, der Benns Ablehnung von Wertefragen in so bedeutender Zeit in apologetischer Absicht einfach mitmache. Fast ärgerlicher noch scheinen ihm die eher als Insinuationen in den Text sich schleichenden Vorwürfe gegen Autoren, die sich - unbestreitbar sehr im Gegensatz zu Benn - in aller Deutlichkeit gegen den Nationalsozialismus aussprachen, wie Thomas Mann oder Ludwig Marcuse. Sehr viel weniger Probleme hat der Rezensent mit der Darstellung der nach-nationalsozialistischen Jahre bis zur Wiederentdeckung Benns 1949. Eine Rettung dieser Biografie stellt das in seinen Augen allerdings nicht mehr dar. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.07.2006

Joachim Dycks Studie über Gottfried Benn hat Rezensent Thomas Meyer herbe enttäuscht. Er hält dem Autor zwar zu Gute, alle bedeutenden Fragen- und Themenstellungen ausführlich zu behandeln. Auch äußert er sich zustimmend über Dycks Einschätzung, Benn sei ein Solitär gewesen. Schließlich will er nicht unterschlagen, dass dem Autor einige "klug durchkomponierte Kapitel" gelungen seien. Aber diese Pluspunkte können für Meyer den großen Minuspunkt des Werks nicht aufwiegen: Der "apologetische Grundton" des Buchs geht ihm einfach gewaltig gegen den Strich. Schmerzlich vermisst er bei Dyck eine Historisierung seines Gegenstandes sowie Vorsicht gegenüber den Selbstaussagen Benns. So hat Dyck nach Ansicht Meyer letztlich die Chance verspielt, dem Leser den "problematischen" Zeitzeugen Benn nahe zu bringen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.06.2006

Als ergiebigstes Buch zum Thema lobt Rezensent Stephan Speicher dieses "eminent erhellende" Buch, dessen Genauigkeit ihm ebenso Respekt einflößt, wie die "ungeheure Sorgfalt" mit der Joachim Dyck Quellen und Literatur ausgewertet hat. Aus Speichers Sicht hat niemand bisher je die "materiellen und geistigen Umstände", unter denen Benn lebte und schrieb, und auch die Konfliktlagen in den dreißiger und vierziger Jahren, so akribisch bearbeitet und aufgeklärt. Zwar führt das "alles umfassende historische Ausmalen" Benns aus Speichers Sicht manchmal in der "Verteidigung seines Helden" etwas weit. Gelegentlich verheddere sich der Autor dabei auch in Details. Trotzdem ist der Gesamteindruck ungetrübt, wird das Buch Benn-Liebabern dringend empfohlen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.06.2006

Auch Joachim Dyck könne das Rätsel Gottfried Benn und 1933 nicht wirklich erklären, beantwortet Rezensent Gustav Seibt ohne Umschweife die Kernfrage, dafür aber gelinge ihm erzählend eine Annäherung, wie sie dichter und hautnaher auch in Zukunft nicht mehr möglich sein werde. Für Seibt ist dies fraglos die wichtigste Publikation im Benn-Jahr. Für die Beurteilung von Benns politischen Anschauungen, so der Rezensent, liefere Joachim Dycks "liebevoll genaues" Buch alle relevanten Äußerungen, unterlasse aber eine eigene klare Stellungnahme. So bleibe es dem Leser überlassen, die kleinen "Unwahrhaftigkeiten", wie etwa Benns späte Stellungnahme zur Judenverfolgung, selbst einzuordnen. Zur Hochform laufe der Biograf hingegen auf, wenn es um die Zeit von Benns politischem Rückzug nach Hannover und in die Wehrmacht gehe. Hier gelängen Joachim Dyck "großartige Bilder" beispielsweise von einem eher depressiven denn heroischen Helden.
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