Jiri Kratochvil

Unsterbliche Geschichte

Roman
Cover: Unsterbliche Geschichte
Ammann Verlag, Zürich 2000
ISBN 9783250600275
Gebunden, 300 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Aus dem Tschechischen von K. Liedtke und M. Vagadayova. In "Unsterbliche Geschichte" erzählt die Protagonistin Sonja Trotzkij-Sammler ihr Leben: Sonja wird in der Silvesternacht des Jahres 1899, eigentlich am 1. Januar 1900, in Brünn geboren. Ihre Geburt wird von ihrem (vorbestimmten) zu diesem Zeitpunkt zwölfjährigen Liebhaber Bruno Mlock ungeduldig erwartet, doch auf dem Heimweg von einem Besuch bei seinem Onkel ertrinkt Bruno drei Tage nach Sonjas Geburt in der Donau. Dennoch kehrt er in ihr Leben in Gestalt verschiedener Tierinkarnationen in regelmäßigen Abständen zurück, um sich mit ihr in Liebe zu vereinen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.08.2000

Jörg Plath zeigt sich zunächst ganz hingerissen von diesem allegorischen Schelmenroman, der durch das 20. Jahrhundert und die tschechische Geschichte führt. Typisch für diesen Roman sei, dass er die erzählerischen Perspektiven und Zeitebenen ständig wechselt und nicht Entwicklung, sondern Reihung zum Prinzip erhebt, wie Plath auch der dreimal ansetzende Titel verraten hat. Plath findet allerdings, dass Kratochvil mit seiner Vorliebe für sodomitische Spielereien allzu sehr aufs Derb-Erotische setzt und gegen Ende, im bleiernen Stalinismus angelangt, an Witz und Tempo verliert. Übrig bleibt beim Rezensenten nach einem fulminanten Geschichtenkarussell ein etwas schales Gefühl: so schön, so abstrus, so phantastisch dieser Roman teilweise erzählt ist, was hilft es, wenn er am Ende zu lang bzw gewaltsam und unstimmig zu Ende gebracht erscheint.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.2000

Eva Menasse ist der Ansicht, dass es nur selten Bücher gibt, die "so deutlich den Höhe- und gleichzeitig Endpunkt einer bestimmten literarischen Richtung zu markieren scheinen" wie dieser Roman. Dabei weist sie auf die lange Tradition des tschechischen Schelmenromans hin, die Liebe zum Fabulieren, Überzeichnen, zur Groteske. Allerdings sei es nicht ganz unproblematisch, einen solchen Roman nachzuerzählen, denn angesichts der zahlreichen "grotesken Volten, Metaphern und Anspielungen" verbiete sich dies geradezu, wie sie meint. Dennoch versucht sie es, und dass sie dem Roman einigen Unterhaltungswert zugesteht, wird dabei ohne Weiteres nachvollziehbar. Dennoch ist die Rezensentin nicht restlos zufrieden mit dieser "Unsterblichen Geschichte". Manches ist ihr "zu glatt" und lässt sie an eine "auf dem Reißbrett geplante Anarchie" denken. Ob das der "Endpunkt" der literarischen Richtung ist, die sie eingangs diagnostiziert hat? Auch einen guten Rat hat sie für Kratochvil parat: Er solle doch mal "in angemessener literarischer Form" etwas zur Zeit von 1978 bis 1989 schreiben, die in diesem Roman kaum behandelt wird. Ob der Autor darauf gewartet hat?
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.07.2000

So richtig gelungen findet der Rezensent Urs Heftrich den Roman des Mähren Jirí Kratochvil nicht, in dem dieser mit der Geschichte seiner Protagonistin Sonja Trotzkij-Sammler zugleich die tschechische Geschichte des 20. Jahrhunderts Revue passieren lässt. Dazu ist ihm besagte Frau zu sehr Kunstprodukt und Kopfgeburt des Autors. Der Rezensent findet Spuren von Haseks braven Soldaten Schweik und den von Karel Capek kreierten Charakter des Portiers Povondra in dieser Figur "deren Retortengeburt [man] auf ihrem langen Weg bis zum letzten Satz" nicht vergessen kann. Zwar enthält der Roman in Heftrichs Augen hinreichend Einfälle und humorvolle Einlagen, er kritisiert jedoch, dass Sonjas Sehnsucht nach "mystischer Vereinigung" mit ihrem verstorbenen Liebhaber nicht viel mit der tschechischen Geschichte zu tun hat. Heftrich hat den Eindruck, dass Kratochvil "auf halbem Weg der Schneid verlassen" hat. Auch hat er wenig Schmeichelhaftes über die Umsetzung der vom Autoren gewählten weiblichen Erzählperspektive zu sagen: "immer ahnen wir die haarige Männerhand hinter solchen Federzügen."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.07.2000

Das durfte immer wieder nicht sein: eine deutsche Mutter und einen russischen Vater haben, und das in Brünn! Eva Profousová arbeitet dieses Merkmal der phantastischen Hauptfigur Sonja Trotzkij-Sammler als realistisches Element einer tschechischen Biografie heraus und liest es als Zeichen: es ist die Biografie der Tschechoslowakei, Hinweis auf die slawischen und deutschen Wurzeln der hier ansässigen Kultur. Bevor sie das slawisch-deutsche Element beim Autor ausmacht, erzählt die Rezensentin Sonjas Leben nach, das in der Sylvesternacht 1899 beginnt und daran krankt, dass der ihr zugedachte Geliebte nur drei Tage später schon stirbt. Nur per Seelenwanderung trifft sie in leidenschaftlicher Liebe auf verschiedene Inkarnationen des ihr Zugedachten, die eigentliche "Triebkraft" des Romans jedoch wird verlagert auf die Geschichte der Tschechoslowakei als Geschichte Mitteleuropas, vom Attentat in Sarajevo bis zur Nachwende-Zeit. Es gibt eine "Seelenverwandtschaft" mit Rushdies "Mitternachtskindern", schreibt Profousová; auch Kratochvil erzähle "mit Sprachwitz, Fabulierkunst" und literarischen Anspielungen. Zudem sei der Roman wunderbar übersetzt von Kathrin Liedtke und Milka Vagadayová. Im letzten Teil des Romans spricht plötzlich der Autor selbst und gesteht, dass Sonjas Herkunft die seine ist. Profousová nimmt dies als Bekenntnis zum "bunten Durcheinander von Nationalitäten" des Vielvölkerstaates zu Zeiten der Donau-Monarchie, dem viele tschechische Nach-Wende-Autoren nachtrauern.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.03.2000

Besonders schlau wird man nicht aus der Beschreibung von Hauke Hückstädt, die er dem Roman des tschechischen Autors Kratovíl angedeihen läßt. "Exposition eines Jahrhundertlebens, das sich der punktuellen Wiedergabe verweigert," heißt es geheimnisvoll. Als geographische Punkte konnte Hückstädt Brünn, Prag, Petersburg, Sarajevo, Wien, London orten. "Das Leben der Sonja Trotzkij-Sammler", so der Untertitel, streife diese Orte als Epizentren der Geschichte, die bei Kratchovil jedoch "nicht souffliert", d.h. das Geschehen vorgibt, sondern dem Roman "erst ihre Erinnerungswürdigkeit flüstert". Das ganze von einer "unfreiwilligen tragischen wie Schweijschen Komik" getragen. Und, so lobt die Rezensentin, auf wunderbare Weise ins Deutsche gebracht.
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