Ismail Kadare

Spiritus

Roman
Cover: Spiritus
Ammann Verlag, Zürich 2007
ISBN 9783250600473
Gebunden, 291 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. "Er hätte nicht genau sagen können, was er sich mehr wünschte: dass dieses ewige staatsfeindliche Getuschel endlich verstummte oder dass es lauter wurde." Arian Vogli, Chef des Spionagediensts im kommunistischen Albanien, ist auf dem Weg, um dem Führer die verblüffende Ausbeute der fabelhaften neuen Wanzengeneration zu überreichen. Die neuen "Ohren des Todes" euphemistisch auch "Prinzessinnen" genannt, machen jedes staatsfeindliche Gebaren im Land unmöglich. So wird auch der Versuch des Ingenieurs Shpend Guraziu, der als Begleiter einer französischen Delegation einen Hilfeappell ans Ausland richten will, vereitelt: unvorsichtigerweise wird er von einem Bulldozer zermalmt. Seine Stimme allerdings überlebt, konserviert in einer Wanze, ein Geburtstagsgeschenk an den Führer, das nicht zuletzt seinen Überbringer, Arian Vogli, zu ewigem Schweigen verdammt. Spiritus ist die phantastische Geschichte von der Verfolgung und Gefangennahme eines Geistes in einem äußerst realistischen Rahmen. Ausgehend von der postkommunistischen Ära in Albanien, reicht die Handlung tief hinein in die Welt der Diktatur und zieht uns unwiderstehlich in den fesselnden Erzählkosmos Ismail Kadares.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.03.2008

Amüsiert, fasziniert und gelegentlich schaudernd hat Rezensent Karl-Markus Gauß Ismail Kadares "aberwitzigen" Roman gelesen, der ihn noch einmal in die Zeit der kommunistischen Diktatur in Albanien zurück versetzt hat. Kadare erzählt hier den Informationen des Rezensenten zufolge noch einmal von den Schrecken der kommunistischen Diktatur, der Logik einer Herrschaft, die auf Bespitzelung und vollkommene Kontrolle aus gewesen sei - einem Sachverhalt, den Kadare quasi als "Wahnsinn in höchster Vollendung" deute und in "aberwitzig komischen Episoden zum Ausdruck" bringe. Ein wichtige Rolle spielt hier eine Wanzenart mit dem schönen Namen "Prinzessin", die in der Lage ist, jedes Gespräch im Land zu überwachen, sofern sie effektiv platziert worden ist. Als Erprobungstätte werde das städtische Theater auserkoren und zu diesem Zweck flugs dessen marode Heizung in Stand gesetzt. Mit großer Spannung verfolgt der Rezensent dann den Verlauf der Handlung, die er auch als Parabel über die Rolle von Künstlern und Intellektuellen im Totalitarismus gelesen hat, er folgt dem Roman in die "Eiszonen der Macht", aber auch an die Grenzen der Vernunft. Feiert die magische Erzählkunst dieses Autors, aber auch Kadares deutschen Verleger Egon Amman und seinen Übersetzer Joachim Röhm für Kontinuität und Qualität in der Arbeit an Kadares Werk.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.01.2008

Mit großer Begeisterung bespricht Rezensentin Renate Wiggershaus diesen "virtuos gestalteten" Roman. Für sie ist er eine "realistische Groteske" und ein Lehrstück über "Mechanismen und Folgen eines ausufernden Strebens nach Kontrolle". Fasziniert fasst sie die gespenstische Handlung des Buchs zusammen, in der es um ein mit China verbündetes kommunistisches (und fiktives) Albanien und groteske Abhörpraktiken geht. So beschreibe Kadare hochkomplexe Wanzen, die "Prinzessinnen" heißen und noch aus Gräbern zwecks totaler Kontrolle aus der Kleidung exhumierter Mordopfern gepflückt werden. Und während mittels dieser Abhörpraktik die Mächtigen immer tiefere und intimere Zonen der Gesellschaft durchdringen, ersterbe in dieser gleichzeitig das Leben, wie die Rezensentin schreibt. Im Zentrum steht ein erblindender kommunistischer Diktator, der den Schilderungen der Rezensentin zufolge von China diese beweglichen Wanzen erhält, um das Schwinden seiner Sehkraft zu kompensieren. Am Ende gibt es kaum noch Leben, das zu überwachen wäre, wie Wiggershaus feststellt, nachdem sich die Geschichte für sie immer mehr ins Makabre und Sinistre zugespitzt hat. Auch Übersetzer Joachim Röhm erhält höchstes Lob.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2007

Es gibt ja mehrere Romane über Kommunismus, Überwachungsstaat und Abhörwahn, meint Lorenz Jäger, aber Ismail Kadares Version mit einer Spiritistentruppe, deren Gespräche mit dem Jenseits vom Geheimdienst getreulich aufgezeichnet werden und für reale Exekutionen sorgen, das sei schon ein ganz eigenes Kaliber. Kadare sei einer jener Schriftsteller, vermutet Jäger, die das eigene Land, seine Menschen und seine Geschichte brauchen, um aus diesem Nährboden heraus große Literatur schreiben zu können. Provinziell und beschränkt wird es damit aber nicht, beteuert Jäger. Vielmehr anspielungsreich und voll mit "Pianissimo-Ironien" wie jene vom Frust der Spione über die neuen chinesischen Abhörwanzen, die sie arbeitslos zu machen drohen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2007

Für Rezensent Andreas Breitenstein gehört der albanische Autor Ismail Kadare zu den wichtigsten Aufklärern über den großen Terror. Auch wenn er im Leben eine gewisse Nähe zum Regime pflegte, Kadares Romane sprechen für Breitenstein eine andere Sprache - und dies bereits zu Zeiten Enver Hoxas. Auch in seinem 1995/96 entstandenen und nun auf Deutsch vorliegenden Roman "Spiritus" setzt Kadare sich mit dem kommunistischen Terror und seinen Folgen auseinander, und das sowohl intellektuell wie literarisch "tiefgreifend", wie der Rezensent betont. Im ersten Teil des Romans reist eine Forschergruppe ins albanische B., um dort nach Opfern der kommunistischen Diktatur zu suchen und Gerüchten über einen Wiedergänger nachzugehen, erzählt Breitenstein. Die Erschütterung, die die Forscher mit ihren Erkundungen auslösen, stürzt die gesamte Bevölkerung von B. in einen "kollektiven Wahn", der die furchtbare Zeit der Diktatur und die damals herrschende Angst wieder ins allgemeine Bewusstsein hebt. Im Mittelpunkt des zweiten Teils des Romans steht der Stasi-Bezirkschef Arian Vögli, der einst auf Geheiß des Diktators alle Einwohner mit Wanzen ausstatten ließ, um regimekritische Äußerungen und Aktionen prompt und grausam verfolgen zu können. Das Buch bietet alles, was einen typischen Kadare-Roman ausmacht, versichert der Rezensent: Es vereine Spannung, die dichte Verarbeitung der jüngsten Geschichte und eine brillante Figurencharakterisierung. So, wie der Autor "Mythos und Moderne" verknüpft, erweist er sich für Breitenstein als grandioser Konstrukteur seines komplexen Stoffes und als einer der wenigen europäischen Autoren, die das Prädikat "phantastischer Realismus" verdienen.