Jean Starobinski

Aktion und ReAktion

Leben und Abenteuer eines Begriffspaars
Cover: Aktion und ReAktion
Carl Hanser Verlag, München 2001
ISBN 9783446200036
Gebunden, 437 Seiten, 29,65 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Horst Günther. Das Wort "Reaktion" scheint auf den ersten Blick nicht schwerer zu verstehen zu sein als das Wort "Aktion". Man hält sich gewöhnlich nicht dabei auf, nach seiner Herkunft zu fragen. Das Wort läßt einen nicht über ein Rätsel stolpern. Wie bei "Aktion" verläuft seine Karriere und die Verschiedenheit seiner semantischen Funktionen, die die Aufmerksamkeit des Historikers erregen, wenn er sich damit beschäftigt. Wie wandelte sich die Bedeutung des Wortes? Wie drang es in die verschiedenen Bereiche ein? Welches sind die geistigen Rollen, deren Träger es war? Welches die Erinnerung, die es zu erwecken vermag? Heute ist es ein ziemlich gewöhnlicher Begriff. Das war nicht immer so.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.09.2001

Es gibt nur wenige Autoren, schreibt Martin Bauer, die erkannt haben, wie schwierig es für die Menschen ist, damit umzugehen, dass jegliche Begrifflichkeit nicht einfach die Dinge benennt, sondern selbst einer historischen Semantik unterliegt. Der Genfer Literatur-, Ideen- und Wissenschaftshistoriker Jean Starobinski gehört für den Rezensenten unbestritten zu denjenigen, die diese Tatsache nicht nur erkannt, sondern auch meisterhaft beschrieben haben. So auch in dem neuen Buch des Autors, einem langen Essay über die Geschichte des Begriffspaars Aktion-Reaktion, das, referiert Bauer, in der aristotelischen Physik so nicht existierte, sondern stattdessen als actio-passio, Tun und Erleiden, erfasst wurde. Der Rezensent ist sehr beeindruckt von Starobinskis wissenschaftshistorischen Befunden, denn sie enthalten erhellende Interpretationen literarischer Texte wie auch minuziöse Rekonstruktionen der Psychologie und der Psychoanalyse. Den Leser erwarten hier, verspricht Bauer, "bildungstrunkene Exkursionen" in verschiedene Wissenschaftsdisziplinen, die in das wahre Meisterstück des Essays, in ein Kapitel über die Biowissenschaften, münden.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.06.2001

Niels Werber hat sich bei der Lektüre gelangweilt - zumindest über zweihundert Seiten lang. Denn so lange hat Starobinski, wie der Leser erfährt, nicht viel mehr getan, als "sein Wissen über allerlei bekannte und unbekannte Naturwissenschaftler" auszubreiten. Doch bietet das Buch offenbar auch Passagen, die der Rezensent durchaus mit Spannung gelesen hat, etwa dort, wo die Begriffe Aktion und Reaktion in Zusammenhang gebracht werden mit der "moralischen Natur des Menschen", beispielsweise bei Rousseau. Doch gerade bei solchen "Abwegen" bremse der Autor und komme auf die alte Feststellung zurück, dass es sich bei dem Begriffspaar Aktion und Reaktion um "alte Antagonismen" handelt: 'Himmel und Erde, männlich und weiblich, Geist und Materie...'. Damit ist Werber keineswegs einverstanden und weist auf die Mechanik hin die "gerade damit Schluss gemacht habe, als sie das Paar actio/passio aufgab". Und weil der Rezensent mit weiten Passagen des Buchs so unzufrieden ist, übernimmt er es kurzerhand selbst, den Leser über die wahre Bedeutung von Aktion und Reaktion aufzuklären.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.06.2001

Margaretha Huber glaubt zu wissen, was den Autor umtreibt: "Es ist die Vielfalt der sich verzweigenden Wege einer Wortgeschichte, die den Sprachforscher Starobinski fasziniert." Auf diese Weise, schreibt sie, gerate die Studie der beiden Wörter Aktion und Reaktion zum Gang durch die europäische Geistesgeschichte, durch Physik, Physiologie, Politik und Seelenleben. Erhellend in dieser Arbeit findet Huber so einiges. So die Mitteilung über die zögernde Anwendung des Wortpaares in der Politik. Oder den Einblick in den Gang der Naturwissenschaften und ihre Wirkung auf das poetische und philosophische Denken. Allerdings hegt die Rezensentin auch Zweifel: Wird die hier betriebene "historische Semantik", so fragt sie sich, wenn sie sich "mit einer allein durch Sprache belebten ... Vorstellungswelt" befasst, "jenen Phänomenen, die durch die bebildernde Macht der Sprache Entstehung erlangen", am Ende nicht doch zur phänomenologischen Analyse?
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.06.2001

Eine solche "Lebensarbeit" gehört gebührend gewürdigt, wird sich Roland H. Wiegenstein gesagt haben. Der Rezensent nimmt sich also Zeit für ein Buch, das er nebenbei auch für einen "gewichtigen Beitrag" hält zu dem Unterfangen, "die Aufklärung ... über sich selbst aufzuklären." Und dann, ach, die Gelehrsamkeit des Autors! Wiegenstein kann sie nicht oft genug bewundern. Wie hier der Gebrauch der beiden titelgebenden Begriffe von Aristoteles bis heute entfaltet wird, "mit unermüdlicher Genauigkeit", bis in die feinsten Verästelungen des Sprachgebrauchs hinein, und von Fach zu Fach springend - das gebe eine wahre "Fundgrube von Einsichten, die weit über die Analyse eines Begriffspaares hinausweisen", ein "Kapitel europäischer Geistesgeschichte."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2001

Stefan Breuer weiß zwar die "große Genauigkeit und stupende Gelehrsamkeit", mit der Starobinski sich dieses Themas angenommen hat, sehr zu schätzen. Doch bezweifelt er, dass es Sinn macht, zu einer solchen Frage ein ganzes Buch zu verfassen. Ein enzyklopädischer Artikel wäre seiner Ansicht nach völlig ausreichend gewesen, denn: "Wer will das alles wissen? Und wer kann sich das alles merken?", fragt er. Zwar gibt Breuer zu, dass es ihm ein "Vergnügen" war, dem Autor bei einem Gang durch seine Bibliothek zu folgen. Doch andererseits wurden ihm die zahlreichen Themen, die Starobinski hier anreißt (samt "Neben- und Unterabteilungen") dann doch zuviel: "die Physik, die Chemie, die Medizin, die Anthropologie, die Physiologie", Literatur und Politik etc. - das alles findet Breuer zwar prinzipiell interessant, jedoch einfach zu ausufernd. Und so werde die "'polyphone Partitur' allmählich (zu) einer Art Rapsong", bedauert Breuer.
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