Aus dem Französischen von Paul Celan. Mit einem Vorwort von Ulrich Wickert. In der Nacht vom 12. auf den 13. Januar verfasst der französische Autor, Filmemacher und Maler Jean Cocteau unter dem Eindruck seines dreiwöchigen Aufenthalts in New York auf dem Rückflug einen Brief an die Amerikaner. Was er selbst einen "Angst- und Liebesschrei" nennt, ist ein zeitloses europäisches Dokument - mahnend, beschwörend: "Das Schicksal Frankreichs ist mit dem Euren verbunden, und wenn die Worte, die Euch bedrohen, triumphieren, sind wir genauso verloren wie Ihr." Cocteau schreibt "Frankreich", er hätte auch "Europa" schreiben können. Aber es ist das Jahr 1949, und der Gedanke eines geeinten Europas ist noch Zukunftsmusik. Dabei ist seine leidenschaftliche Aufforderung von unverminderter Aktualität. Er richtet sich an die Menschen auf beiden Kontinenten, ein Aufruf, die Freiheit zu verteidigen und sich weder der Macht des Geldes zu ergeben noch sich von Zoll- und Devisenschranken aufhalten zu lassen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 09.12.2025
Rezensent Helmut Böttiger freut sich über die in unsere Gegenwart hineinragende Hellsichtigkeit, die er in diesem neu aufgelegten, von Paul Celan übersetzten Text des französischen Regisseuren, Dramaturgen und Lyrikers wiederfindet. Anfang 1949 flog der französische Surrealist zur Bewerbung eines neuen Filmes und Theaterstücks nach New York, auf seinem 15 Stunden langen Rückflug verfasste er diesen Text, in dem er seine Amerika-Erfahrungen umkreist, lesen wir. Darin lobt er die Amerikaner für ihre Freundlichkeit, geht aber immer mehr zu einer beunruhigenden Diagnose über: gerade was die Kunst betrifft, attestiert er den Amerikanern eine geldgetriebene Gegenwartsobsession, die das Geheime, Andere und die Langeweile hasse und gezielt auszuschalten versuche. Der Kritiker freut sich über pointierte Sätze Cocteaus, zum Beispiel: "Ihr besitzt alle Fülle von Komfort, aber Euch fehlt der Luxus." Das ist alles sehr französisch und eindeutig aus der Perspektive eines Künstlers, nicht eines Analytikers geschrieben - nichtsdestotrotz findet der Kritiker hier viel Aktualität.
Rezensent Helmut Böttiger empfiehlt Jean Cocteaus 1949 verfassten und jetzt neu aufgelegten Brief an die Amerikaner als Beispiel für einen künstlerischen, poetischen, nicht analytischen oder in irgendeiner Hinsicht wissenschaftlichen Vergleich zwischen der Neuen und der Alten Welt. Cocteaus subjektiver emphatischer Zugang zu den gerade kennengelernten Verhältnissen in den USA erscheint Böttiger dennoch hellsichtig. Wenn der Autor sein Lob der Freundlichkeit der Amerikaner mit einem Schrecken vor der möglichen Zukunft des Landes und seinem Hass auf das Geheimnis verbindet, muss Böttiger an Trumps Amerika denken, auch wenn er Cocteau keineswegs einen Kulturpessimisten nennen möchte.
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