Aus dem Französischen von Rainer von Savigny und Thorsten Schmidt. Am Beispiel historisch prominenter Persönlichkeiten dokumentiert Jean-Claude Bologne die Wandlung des Schamgefühls im Lauf der Jahrhunderte und spiegelt somit den Wandel der Gesellschaft und ihrer Wertvorstellungen wider. Es ist die erste große historische Darstellung dieses gesellschaftlichen Phänomens und hebt sich vom ethnologisch-anthropologischen Ansatz von Hans Peter Duerr ab. Bologne gibt mit seiner Analyse neue Antworten auf alt bekannte Fragen: Welche Beziehung besteht zwischen körperlicher Scham und Scham der Gefühle? Gibt es eine weibliche und eine männliche Schamhaftigkeit? Warum errötet man vor Scham? Was ist eigentlich Schamgefühl? Das Buch ist Mentalitäts- und Sittengeschichte in einem sowie ein Rückblick auf die Geschichte unseres Zivilisationsprozesses.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.04.2002
In Zeiten von Big Brother & Co wird Offenheit nicht mehr nur als Aufgeklärtkeit gefeiert, sondern zunehmend auch als Schamlosigkeit beklagt, meint Rezensentin Anja Lietzmann, weswegen immer häufiger auch die Frage nach der Scham gestellt werde. Eine Antwort auf die Bedeutung der Scham findet sie in Jean-Claude Bolognes Geschichte des Schamgefühls. Bologne sucht darin die Frage zu beantworten, ob Scham eine anthropologische Konstante oder eine historisches Phänomen ist. Wie die Rezensentin ausführt, geht Bologne dabei von der Annahme aus, dass Scham ein Gefühl ist, das alle Epochen kennen, das sich dabei jedoch auf sehr unterschiedliche Weise äußert. Vor allem am Beispiel historischer Persönlichkeiten berichte Bologne über das Schamempfinden im Bad, in der Mode, der Medizin, auf dem Nachtstuhl ebenso wie in Theater und Film. Die Rezensentin lobt, dass Bologne - methodisch klug - Scham im Alltag und Scham in der Kunst in getrennten Kapiteln verhandelt. Besonders hebt die Rezensentin Bolognes Interesse für die Nackt- und Analscham hervor. Bedauerlich findet die Rezensentin dabei allerdings, dass Bologne die mit dem Namen Hans Peter Duerr und seinem Buch "Der Mythos vom Zivilisationsprozess" verknüpfte geführte Kontroverse zum Thema entgangen ist. Duerr weist nämlich nach Ansicht der Rezensentin konträr zu Bologne nach, dass Nacktscham eine Universalie ist, dass es also es keine Zeit und Kultur gab, in der Nacktheit alltäglich gewesen ist
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.12.2001
Es gab in der Zunft der Sozialhistoriker einen großen Streit, erfährt man nebenbei von Wolfgang Sofksy, den die Kulturanthropologen Hans Peter Duerr und Norbert Elias ausgefochten haben. Duerr versuchte damals nachzuweisen, dass Schamgefühle in allen Kulturen aufgetreten und auch nicht stärker geworden sind. Der französische Historiker Bologne, Autor dieses Buches, zeige sich an diesem Streit völlig uninteressiert oder auch unkundig, meint Sofksy, er unterlaufe diesen Universalienstreit durch eine nicht explizit benannte Gleichgewichtstheorie, wonach es zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft den Versuch einer "Balance zwischen Entblößung und Verhüllung, Sittenstrenge und Offenherzigkeit" gegeben habe. Sofskys Schlussfolgerung: Die Geschichte der Scham sei somit "zyklisch und linear zugleich". Was Bologne dann im geschichtlichen Aufriss von der Antike bis zum 20. Jahrhundert an Scham- und Schuldkonstrukten zutage födert, liest sich für Sofsky hochinteressant. Er bedauert allerdings, dass sich der Historiker zum Verschwinden des Schamgefühls in der Mediengesellschaft keine Gedanken gemacht hat und vermutet: "Scham ist nur noch Geschichte".
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