Klappentext
Lorenzo, Caspar und Miss Detroit sind unterwegs im alten Saab. Drei Freunde, irgendwo zwischen Lebensmitte und Lebensmüdigkeit. Ihr Ziel: die Friedhöfe Mitteleuropas. Während sich Lorenzo durch Bücher frisst und versucht, eine Doktorarbeit über die toten europäischen Dichter zu schreiben, träumt Miss Detroit hinter dem Lenkrad davon, Friedhofsbotanikerin zu werden und durch die Blumen mit den Toten zu sprechen. Und der fast blinde Caspar denkt an seinen Vater im Böhmischen Paradies, dessen verstorbene Freunde noch immer durch seine Stammkneipe geistern. Mit jedem gefahrenen Kilometer rücken die drei näher aneinander und hören die Stimmen der Toten von Grab zu Grab deutlicher: Wovon sprechen sie, wenn man ihnen zuhört? Und wem hört man besser nicht zu? Als sie auf einem Berliner Friedhof plündernden Reichsbürgern zuvorkommen und die Knochen eines NS-Verbrechers entwenden, beginnt eine absurde Verfolgungsjagd entlang der Grenzen der europäischen Mitte.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 10.10.2026
Gerne folgt Rezensent Ralph Gerstenberg dem exzentrischen Dreiergespann in Jaroslav Rudiš' Roman auf seinem Roadtrip durch die Friedhofslandschaft Europas. In der skurrilen und fantastischen Geschichte macht sich Miss Detroit, eigentlich Susanne aus Berlin, in einem Sarg/Leichenwagen auf eine Reise entlang weiblicher Suizidopfer; der lyrikbegeisterte Antiquitätenräuber verleibt sich auf Geheiß seiner toten Großmutter nicht nur im übertragenen Sinne sämtliche Werke toter Dichter ein, den melancholischen Caspar gibt es auch noch - und verfolgt werden sie alle von ebenfalls bücherfressenden Kreuzspinnen, die zum Grab des SS-Führers Reinhardt Heydrich pilgern, um dort ein neues Reich nur für Kreuzspinnen zu errichten. Wie Rudiš so durch die Brille des magischen Realismus eine Geschichte über das Erinnern und Vergessen des literarischen Erbes und über das "kulturelle Gedächtnis Europas" schreibt, gleichzeitig aber einen "abgefahrenen Roadtrip" mit viel "Witz und Verve", sorgt beim Kritiker für großes Lesevergnügen.
Rezensionsnotiz zu Die Welt, 27.08.2026
So eine "Sepulkraltour" kann nur ein Autor wie Jaroslav Rudis schreiben, ist sich Rezensent Marc Reichwein sicher: Seine drei Figuren Lorenzo, Caspar und Miss Detroit sind zusammen in Mitteleuropa unterwegs und besuchen die Gräber ihrer liebsten Dichter. Lorenzo hat im Knast das Lesen für sich entdeckt, Miss Detroit hat ihren Künstlernamen auf einem Grabstein entdeckt und ist Friedhofsgärtnerin, Caspar stammt aus Böhmen, sein Vater hat Autopsien an Radios durchgeführt und damit die Faszination seines Sohnes für die Vergangenheit begründet, erklärt Reichwein. Lorenzos kriminelle Vergangenheit bestand darin, dass er versucht hat, NS-Raubkunst mit nicht ganz legalen Mitteln zu entwenden und dem Grab eines Rabbis als Opfergabe darzulegen, Miss Detroits Name spielt natürlich auch auf die tote Autoindustrie der Stadt an, informiert der Kritiker. Er liest von Besuchen bei Jean Paul oder Theodor Storm, aber auch von der Erinnerung an die Strukturen der k.u.k.-Monarchie, die das mitteleuropäische Leben bis heute stark beeinflussen, und besonders wichtig ist die mal zärtliche, mal konfliktbehaftete Beziehung der Figuren zu ihren toten Dichterhelden. Mit "feinironischer Verve" hat Rudis über die Vergangenheit geschrieben, ein Roadnovel, aber auch eine Komödie mit lauter markigen Typen, resümiert der Rezensent.
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