In manchen Nächten mag es einem vorkommen, als enthielten die erhabenen Landschaften der Nacktheit mehr Wahrheit als ganze Bibliotheken heiliger Bücher. So jedenfalls ergeht es dem Theologiestudenten Jakob, der seit einer halben Ewigkeit an einer Dissertation schreibt und mit seiner Freundin Clara in Berlin-Friedenau ein grundberuhigtes, an inneren und äußeren Spannungen armes Leben führt. Die idyllische Behaglichkeit nimmt ein jähes Ende, als er auf einem Wittenberger Symposion die Künstlerin Katharina kennenlernt. Nicht nur weist ihn diese in die mystische Gotteserfahrung Mechthilds von Magdeburg ein und wirft noch einmal den ganzen antiken Götterhimmel über ihm auf. Ihre sinnliche Nähe führt ihn bald auch durch die Abgründe Berlins, vorbei an Neuköllner Esoterikerinnen, Yogakursen und anderen Routinen urbaner Selbstoptimierung, bis ins griechische Delphi, wo die beiden nicht nur weit über sich hinaus, sondern auch in die Mitte der Welt geraten.
Geradezu "kathedral" erscheint Rezensent Jan Drees der zweite Roman von Emmanuel Maeß, der ihm angelehnt an Gottfried von Straßburgs "Tristan"-Epos von einer durch Betrug entstandenen, verzehrenden Liebe erzählt. Und so schreitet der Kritiker durch dieses wuchtige Textgebäude, begegnet einem namenlosen, nerdigen Theologie-Doktoranden, der, mit der vernünftigen Kinderärztin Clara liiert, eine amour fou mit der Kunststudentin Katharina - "mehr Naturereignis als Mensch" eingeht. Über dreihundert Seiten hinweg inszeniert Maeß die "quasi-religiöse Zelebration fleischlicher Lust", wie mittelalterliche Mystikerinnen verliert sich der Erzähler in seinem Liebesrausch, resümiert Drees. Gewährsmänner wie Augustinus, Platon, Plotin oder Kierkegaard treten ebenfalls auf, zugleich staunt der Kritiker, wie Maeß "Tinder und Titanen, Lichtwesen und Jim Jarmuschs Vampire" zusammenbringt. Für Drees ist dieser Roman, der nach des "Möglichkeit des Heiligen in religiös entwürdigten Zeiten" fragt, ein Glücksfall.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.02.2023
Hubert Winkels Rezension des Romans von Emanuel Maeß ist selbst auch keine Alltagsprosa: Für eine "staunenswerte Rarität" hält er diesen Roman, der die Geschichte über Leib und Seele von Platon bis Lana del Rey anhand eines Liebespaares erzählt. In elegantem Stil geschrieben, mit einer gehörigen Prise Spott und dabei auch wunderbar frech, eignet auch diesem Roman von Maeß ein gewisser Größenwahn, stellt Winkels fest: Wie "eine Art Sloterdijkisierung der schönen Literatur" scheint ihm der kulturhistorische gelehrte Roman, in dem Maeß Motive von der Antike bis in die Gegenwart so miteinander verwebt, als wollte er den Lesern eine "hypostasierte göttlich-menschliche Mixed Zone" zum Geschenk machen, schließt Winkels.
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