Janko Polić Kamov
Austrocknen
Roman

Guggolz Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783945370445
Gebunden, 481 Seiten, 28,00 EUR
ISBN 9783945370445
Gebunden, 481 Seiten, 28,00 EUR
Klappentext
Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert und mit einem Nachwort von Miljenko Jergović. Ein junger Mann hustet kanariengelben Schleim ab, spuckt Blut und führt sein Leben trotzdem weiter, als wäre nichts. Er trinkt, raucht, erforscht seine Sexualität, rebelliert gegen seine Eltern und die ganze Gesellschaft. Derweil verschlechtert sich sein Gesundheitszustand zusehends und setzt ihm hart zu - aus dieser fatalen Erfahrung heraus beginnt er, einen Roman darüber zu schreiben. Die finanzielle Abhängigkeit von seiner Familie quält ihn, also löst er sich, geht zum Studium nach Rom und versucht, dort als Korrespondent seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Doch die Krankheit lässt sich nicht abschütteln: In seinem Hals entwickelt sich ein tödliches Geschwür. Kaum verhüllt autobiografisch erzählt Kamov von Rauscherfahrungen, sexuellem Erwachen, politischer und künstlerischer Bewusstwerdung und dem Aufbegehren gegen die erdrückende kleinbürgerliche Herkunft.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2024
Eine Wucht von einem Roman ist das, was hier nun endlich ins Deutsche übersetzt wurde, findet Rezensentin Lerke von Saalfeld. Geschrieben hat ihn Janko Polić Kamov, früh verstorbenes Enfant terrible der kroatischen Literatur und die Hauptfigur des Buches, ein junger Mann namens Arsen, der offensichtlich seinem Schöpfer nachempfunden ist, so Saalfeld. Arsen, zwischen Italien und Kroatien hin und her pendelnd, verzweifelt am eigenen Schreiben, ist außerdem ziemlich sicher todkrank und flüchtet sich in Sauf- und Sexualexzesse. Wortgewaltig und mit vielen absichtsvoll schrägen Metaphern erzählt Kamov von diesem Leben, wobei er laut Rezensentin zwischendurch beweist, dass er auch leisere Töne beherrscht. Ein Werk, das experimentelle Romanklassiker von Joyce und Svevo vorwegnimmt, aber gleichzeitig ganz für sich selbst steht, so Saalfelds begeistertes Fazit.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.08.2024
Ein potentieller Klassiker der europäischen Literatur wurde hier laut Rezensent Karl-Markus Gauss ins Deutsche übersetzt. Janko Polić Kamovs einziger Roman entstand, lernen wir, zu Beginn des letzten Jahrhunderts und erzählt von Arsen, einem jungen Herumtreiber, der besessen ist von Literatur, mit Freunden revolutionäre Spinnereien ausheckt und dem Alkohol sowie der käuflichen Liebe zugetan ist. Der sprachlich herausfordernde, aufgrund der obsessiven Selbstanalyse und -anklage des Protagonisten schon auch manchmal anstrengende Roman erzählt auch, fährt Gauss' Beschreibung fort, von der familiären Herkunft Arsens und allerlei sexuellen Obsessionen. Der Rezensent hebt den genialen Beginn des Buches besonders hervor, in dem sich bereits der frühe Tod des Protagonisten ankündigt. Ein Roman des permanenten, berauschten Aufbruchs ist das, legt der Rezensent dar, gleichzeitig jedoch spiegeln sich in Arsens ziellosen Abenteuern politische Gegebenheiten, wie etwa Streiks und Aufstände. Insgesamt ist das Buch für Gauss eine Entdeckung von Weltformat.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.07.2024
Einen Roman, der besonders lange seiner Entdeckung harren musste, kann Rezensent Jörg Plath dank des literardetektivischen Spürsinns des Guggolz-Verlags entdecken: Der kroatische Autor Janko Ploic Kamov ist 1910 mit nur 23 Jahren gestorben, konnte vorher aber noch diesen Roman fertigstellen, der sich mit dem tuberkulosebedingten Niedergang eines jungen Bohemien beschäftigt. Mit Hilfe einer verstörenden "Ästhetik des Hässlichen und Ekelhaften" lässt Kamov seine Haupfigur Arsen Toplak den kranken Körper, aber auch die verdorbene Gesellschaft um ihn herum schildern: schleimige Auswürfe und "madiges Fleisch" sieht er nicht nur bei sich selbst. Auch die Falschheit und Heuchelei seiner Familie klagt er an, so Plath, seine Vorfahren, die "ficken wie Vögel", holt er in wütenden Exkursen vom Sockel. Der Kritiker ist fasziniert von der Intensität, die so entsteht und erkennt hier ein besonderes Exemplar der literarischen Avantgarde "am Vorabend eines Weltenzusammenbruchs".
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 14.06.2024
"Unzufriedenheit, Skepsis und Zerrissenheit" soll dieses wiederentdeckte frühmoderne Opus magnum, dieses verstörende Wahnsinnswerk eines jungen kroatischen Genies nach dem Wunsch seines Protagonisten hinterlassen - dieselben Gefühle also, mit denen Protagonist Arsen gelebt und erzählt hat, erklärt uns Rezensent Jörg Plath in seiner epischen Kritik. Einen Plot braucht Kamov nicht, Kohärenz - formal wie inhaltlich - wäre Inkonsequenz, und Harmonie findet hier nur, wer unter Harmonie etwa das radikale Ineinander-denken von Transzendenz und Immanenz, von rosa Sonnenaufgängen und der Haut gerupfter Hähnchen verstehen kann. "Austrocknen" ist voll von explizit gemachtem Allzumenschlichen, von Eingeweiden, Krankheit, Sex, und zugleich hoch literarischm staunt Plath. Der 1910 mit gerade 23 Jahren verstorbene Kamov bzw. sein Protagonist, besitzt das Talent "wortgewaltig zu starren", so drückt Plath es aus. Alles wird umgedreht und begutachtet- revolutioniert - und aus diesem schonungslosen Hinschauen, entwickelt Arsen eine neue Ästhetik an der das Leben sich zu messen hat. Diesem revolutionären Erzähler zu folgen, ist zumeist aufregend, erschütternd, bereichernd, zuweilen belustigend, manchmal befremdend und zwischendurch auch mal "enervierend", räumt Plath ein, der diesen Ritt gern auf sich genommen hat.
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