Janet Frame

Dem neuen Sommer entgegen

Roman
Cover: Dem neuen Sommer entgegen
C. H. Beck Verlag, München 2010
ISBN 9783406605208
Gebunden, 287 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Karen Nölle. Grace Cleave verbringt ein Wochenende außerhalb Londons. Die junge Schriftstellerin aus Neuseeland wird von einem Kritiker, der es gut mit ihr meint, zu sich in den Norden Englands eingeladen. Aber gerade die schlichte Herzlichkeit und das Verständnis ihrer Gastgeber stellen Grace auf eine schwere Probe. Sie fühlt sich wie ein Zugvogel, auch, weil das Heimweh nach Neuseeland an ihr zehrt und ihr ganzes Leben im Ausland als flüchtig und vorübergehend erscheinen lässt. Alles Menschliche ist ihr irgendwie fremd, sie sucht nach ihrem Platz in der Welt - und muss ihn erst in ihrer eigenen Haut finden, ob gefiedert oder nicht.
"Dem neuen Sommer entgegen", 1963 in London geschrieben, ist erst nach dem Tod Janet Frames veröffentlicht worden. Ihr erschien dieser Roman zu persönlich, um ihn zu Lebzeiten zu publizieren.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.07.2011

In Janet Frame sieht Kristina Maidt-Zinke die besondere Gabe, sich ihrer "gestörten Selbst- und Weltwahrnehmung" nicht nur bewusst zu sein, sondern sie auch noch literarisch vermitteln zu können. Ihr posthum publizierter autobiografischer Roman "Dem neuen Sommer entgegen" von 1963, der jetzt auf Deutsch vorliegt, führt dann in den Augen der begeisterten Rezensentin auch einmal mehr eindrücklich diese Fähigkeit vor. Die Schriftstellerin Grace Cleave verbringt ein Landwochenende bei einer Familie in England, erlebt dort schmerzlich ihre innere Isolation und wird von Kindheitserinnerungen überflutet, erfahren wir. Besonders beeindruckend für Maidt-Zinke ist, wie die neuseeländische Autorin der an Sozialphobie grenzenden Gehemmtheit der Hauptfigur ihre überbordende Phantasie und ihre sprachschöpferische Vitalität entgegensetzt. Frame gelingt es, ihre Leser tief in den Bann zu ziehen und dennoch beobachtende Distanz zu erlauben, lobt die Rezensentin. Für sie ist der Autorin damit ein wahres Kunststück gelungen, das sie gleichermaßen fasziniert wie berührt hat, und das mitunter sogar richtig komisch ist, wie sie noch verspricht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2010

Begeistert zeigt sich Verena Lueken angesichts dieses aus dem Nachlass der berühmten neuseeländischen Schriftstellerin Janet Frame publizierten Romans, der nach ihrem Dafürhalten vielleicht sogar ihr "bester" ist. Ohne Zweifel sei die Protagonistin, eine Schriftstellerin, die auf ein Wochenende im Landhaus der Familie eines Journalisten eingeladen wird und sich dort als geradezu qualvoll von ihrer sich doch so freundlich um sie bemühenden Umgebung abgeschnitten erlebt, Frames "Alter Ego", so die Rezensentin. Nicht die äußeren Umstände, sondern das innere Erleben und die Erinnerungen an die Kindheit sind das Eigentliche und hier bewege sich das Erzählen stets und auf sehr faszinierende Weise auf der Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Die "literarische Kraft", die Verena Auffermann in ihrem einfühlsamen wie erhellenden Nachwort beschwört, hat sich auch der Rezensentin unmittelbar mitgeteilt. So findet sie auch die Entscheidung der Übersetzerin Karen Nölle, den Namen des Zugvogels, mit dem sich die Protagonistin identifiziert - "Godwit", eine Zusammensetzung aus den Worten Gott und Scharfsinn - beizubehalten, statt ihn korrekt mit Pfuhlschnepfe zu übersetzen, sehr angemessen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.11.2010

Rezensentin Angela Schader gewinnt Janet Frames Roman "Dem neuen Sommer entgegen" ganz neue autobiografische Facetten ab und entdeckt darin eine plausible Erklärung für die quälende "Sprachlosigkeit", die die neuseeländische Schriftstellerin in Gesellschaft befiel. Der autobiografische Roman erzählt von einen Wochenendaufenthalt bei einem befreundeten Paar, währenddessen sie  - abgesehen von dünnen "Plattitüden" ihrerseits - von einer peinlichen Unfähigkeit zur Kommunikation mit ihren Gastgebern gequält wird, erfahren wir. Durchsetzt ist dieses Wochenende von intensiven Kindheitserinnerungen, über die man hier trotz der vielen autobiografischen Texte, die Frame publiziert hat, zum ersten Mal liest, so Schader fasziniert. Wenn sie auch das Zugvogelmotiv, das im Titel anklingt und sich durch den Text zieht, etwas überstrapaziert findet, ist sie von der "Intensität" der Reminiszenzen beeindruckt und hat so manches literarisches Juwel in diesem Roman gefunden. Und die Erklärung, der "Reichtum an Assoziationen und Evokationen", also explizit die schriftstellerische Fähigkeit der Autorin, führe zum Verstummen, findet die Rezensentin genauso interessant wie überzeugend.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.09.2010

Rezensent Jochen Jung ist sehr dankbar, dass dieses "wunderbare, innige", schon 1963 geschriebene Buch sechs Jahre nach dem Tod der Autorin doch noch erschienen ist. Denn wieder einmal fasziniert ihn das "vorsichtige, zarte, mitunter schwermütige Erzählen" Janet Frames, die hier die offenbar sehr autobiografische Geschichte einer "zu Konvention wie Konversation gleichermaßen unfähigen" jungen Frau erzählt, die ein unglückliches Wochenende bei einer "netten" Familie verbringt. Dabei erinnert sie sich in langen Passagen an ihre Kindheit in Neuseeland. Es ist weniger die Handlung als Frames Erzählkunst, die den Rezensenten außerordentlich beeindruckt. Auch Verena Auffermanns kenntnisreiches Nachwort wird sehr gelobt.