Aus dem Englischen von Trude Fein. Mit einem Nachwort von Herbert Tauber. Joseph Grobstock ist das, was man einen reichen Mann nennt. Als gläubiger Jude befolgt er die Gebote seiner Religion, auch die gottgefällige Freigiebigkeit Bettlern gegenüber. Eifrig um sein Seelenheil besorgt, bringt er mit gönnerhafter Geste seine Almosenpäckchen unters Volk - bis er eines schönen Tages an einen schwarzbärtigen Unbekannten mit Turban gerät. Die imposante Erscheinung entpuppt sich im Nu als gewitzter Meister seiner Disziplin. Was nun folgt, ist ein wahrer Spießrutenlauf des guten Gewissens. Die gottgefällige Tat trägt Grobstock nicht die erwartete Erleichterung ein, ganz im Gegenteil: Mit jeder widerwillig hingegebenen Münze gerät er tiefer ins Schlamassel. Aus der wohlfeilen Spende wird rasch gemeines Schweigegeld, aus der tugendhaften Tat ein schnöder Akt der Bestechung. Eh' er sich's versieht, schmilzt mit seinem moralischen Guthaben auch gleich noch sein materieller Besitzstand dahin ... Israel Zangwills historisches Sittenbild aus dem Londoner Ghetto des 18. Jahrhunderts zählt zu den Klassikern der englischen Literatur.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2006
Hoch erfreut begrüßt Rezensent Carsten Hueck die Neuauflage dieses Romanklassikers von 1894, den er am liebsten in den Vorstandsetagen der Global Players auslegen möchte. Denn in Zeiten, in denen "das Soziale der Marktwirtschaft mitunter in Vergessenheit gerät", betrachtet er das Buch auch "als schlichte, doch quasi von höchster Stelle legitimierte Denkhilfe bei der Frage nach Gewinnverteilung". Der 1864 geborene Autor verhandele in seinem Roman nämlich auch tief in der jüdischen Theologie verankerte Fragen von Geben und Nehmen. Deshalb sei Israel Zangwills Protagonist auch kein simpler Bettler, sondern ein Moralist, der auf der Basis enormer Thora-Kenntnisse seine besserverdienenden Mitmenschen daran erinnere, dass gerecht zu teilen nicht heiße, dass "ein jeder die Hälfte" bekomme, sondern "dass derjenige, der mehr hat, auch mehr gibt." Die dialektisch ausgeklügelten Lehren des Schnorrerkönigs findet der Rezensent höchst amüsant und lehrreich dargeboten, weshalb ihm die Lektüre nicht nur intellektuell und auch sonst höchstes Vergnügen bereitet hat.
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