Ismail Kadare

Der Anruf

Untersuchungen
Cover: Der Anruf
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103976335
Gebunden, 176 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. 1934: Moskau ist ein Labyrinth aus Angst und Verrat. Jeder kann jederzeit verhaftet werden. Auch Ossip Mandelstam, dessen gegen Stalin gerichtetes Gedicht keiner lesen darf, das aber alle kennen. Da ruft Stalin selbst Pasternak an. Drei Minuten dauert das legendäre Telefonat zwischen Diktator und Dichter. Stalin fragt, ob Pasternak Mandelstams giftige Verse kenne. Ja oder nein, jede Antwort führt in eine Falle und entscheidet über Mandelstams Leben oder Tod.  Bis heute ist es ein Rätsel, was Pasternak in diesen drei Minuten sagte: Warum konnte er Mandelstam nicht retten? In Moskau geriet Ismail Kadare während des Studiums in den Bann dieser Frage. Als albanischer Schriftsteller kennt er die dunklen Schatten der Macht und die Konfrontation von Politik und Kunst. Das Telefonat, das er wie in einem Kriminalroman bis in die kleinsten Details seziert, spiegelt ihm sein Lebensrätsel wider.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2025

Die Fiktion, "Stalin-ruft-Schriftsteller-an" ist mittlerweile auch fast ein eigenes Genre, hält Rezensent Michael Martens angesichts des letzten Romans des im vergangenen Jahr verstorbenen Schriftstellers Ismail Kadare fest: Hier ist es Boris Pasternak, der in den zweifelhaften Genuss eines solchen Anrufs kommt. Die 170 Seiten des Romans drehen sich einzig um diese drei Minuten, in denen Stalin Pasternak zum kurz davor verhafteten Ossip Mandelstam befragt - unter der Oberfläche wird damit aber das Verhältnis Kadares zu Enver Hoxha verhandelt, so Martens. Dieses sei ambivalent gewesen, rundheraus abgelehnt habe er den Diktator nicht. Der Kritiker beurteilt das Buch als würdiges letztes Werk des Autors, der lange im Gespräch für den Nobelpreis war, auch die Leistung des Übersetzers Joachim Röhm findet sein Lob. 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.04.2025

Rezensentin Ilma Rakusa empfiehlt den letzten Roman des im vergangenen Jahr gestorbenen Schriftstellers Ismail Kadare, der sich dem dreieinhalbminütigen Telefonat widmet, das Boris Pasternak im Jahr 1934 mit Stalin führte. Dreizehn Versionen sind von diesem Gespräch überliefert, Kadare geht ihnen im Detail nach und untersucht dabei jedes Wort von Pasternak, erklärt die Kritikerin. Warum? Vermutlich weil Kadare, dessen Leben und Schreiben selbst lange durch die Diktatur Enver Hoxhas geprägt war, hier nicht nur eine Selbstbefragung, sondern geradezu ein "Selbsttribunal" vornimmt, vermutet Rakusa. Dass Kadare nicht über Pasternak, der sich unter Stalin durchlavierte und lieber in die innere Emigration ging, urteilt und versucht, diesen zu verstehen, erachtet die Rezensentin als Gewinn. Und angesichts des repressiven Putin-Regimes attestiert sie diesem Roman auch große Aktualität.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.03.2025

Sonja Zekri findet zwar keine schlüssige Erklärung für Stalins Anruf bei Pasternak in Ismail Kadares Buch, dafür bietet ihr der Autor ganze dreizehn mögliche Versionen des Telefonats, vermittelt durch Weggefährten und Kollegen Pasternaks. Ein Fest für Freunde der der sowjetischen und auch der albanischen Literaturgeschichte, da Kadare auch sein Telefonat mit Enver Hoxha aufführt und sich mit Pasternak identifiziert, wie Zekri erklärt. Das "heimliche" Zentrum des Buches ist für sie allerdings die Entstehungsgeschichte von Kadares "Die Dämmerung der Steppengötter", wo der Autor die Verfolgung Pasternaks beschreibt. Der Rest sind leider mitunter etwas weitschweifige beziehungsweise altväterlich tönende Betrachtungen zu Homer, Marx und Freund, so Zekri. Mit der Gegenwart hat das Buch leider überhaupt nichts zu tun, bedauert sie.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 13.02.2025

Kopfschüttelnd und mit stiller Empörung über so viel Größenwahn liest Rezensent Uli Hufen, was Ismail Kadare in diesem postum veröffentlichten Buch verzapft hat. Da stellt sich der Autor in eine Reihe mit Tolstoi, Dante, Cervantes, versteigt sich zu haltlosen Thesen über Marx und versucht auf recht sprunghafte Weise, Stalins Telefonanruf bei Pasternak zu ergründen, allerdings, ohne den Dreh- und Angelpunkt seiner Geschichte fest im Blick zu behalten, staunt der Rezensent. Sinn und Zweck des Ganzen leuchten Hufen nicht ein. Der Stoff ist gut, doch Kadare war offenbar nicht bereit dafür, ahnt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.02.2025

Rezensent Martin Oehlen schaudert es bei der Lektüre dieses Buches Ismail Kadares, das ein historisches Telefonat Boris Pasternaks mit Josef Stalin zum Thema hat. Das Thema des Telefonats wiederum ist Pasternaks Dichterkollege und Freund Ossip Mandelstam, lesen wir, der ein Schmähgedicht über Stalin verfasst hat. Stalin versucht nun einerseits, mehr über Mandelstam herauszufinden, und andererseits, die beiden Dichter gegeneinander auszuspielen. In Kadares Buch geht es dann, so Oehlen, um verschiedene Versionen des Gesprächs, wie sie von Zeugen und Bekannten Pasternaks wiedergegeben werden. Diese unterscheiden sich in vielen Details, insgesamt fügen sie sich in ein düsteres Bild der Sowjetunion und einer Zeit, in der Diktatoren mit psychologischen Tricks Terror verbreiteten. Auch Passagen über Kadares eigene Erfahrungen im kommunistischen Albanien tragen dazu bei, dass Oehlen dieses starke Buch ziemlich mitnimmt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.02.2025

Seinen Ausgangspunkt nimmt Ismail Kadares letzter zu Lebzeiten erschienener Roman bei einem Telefongespräch zwischen Boris Pasternak und Josef Stalin, in dem letzterer den Schriftsteller zu Ossip Mandelstam befragt - dieser hat ein Schmähgedicht über den "Bergmenschen im Kreml" verfasst, erklärt Rezensent Jens Uthoff. In 13 Varianten erzählt Kadare, wie Pasternak sich nicht traut, für seinen verhafteten Kollegen einzutreten und verwebt das mit seiner eigenen Erfahrung in der Hoxha-Diktatur - auch er hat sich bei einem Anruf des Diktators nicht gewehrt, erfahren wir. "Das Verhältnis eines Diktators zum Dichter" ist hier mit vielen intertextuellen und autofiktionalen Bezügen auch ein Anlass, um über die Frage nachzudenken, wie sich Wahrheit bildet - ein Buch, das gerade in Zeiten unsicherer Informationen besonders wichtig ist, wie Uthoff abschließend festhält.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 30.01.2025

Ein interessantes Buch über die Mechanismen totalitärer Kulturpolitik hat Ismael Kadare laut Rezensent Marko Martin geschrieben. Der Autor sammelt darin 13 verschiedene Interpretationen eines Telefongesprächs zwischen Stalin und Boris Pasternak, in dem der Diktator den Schriftsteller über dessen Freundschaft mit dessen Kollegen Ossip Mandelstam befragt. Nur drei Minuten dauerte dieses Gespräch und dennoch bleibt viel unklar, etwa auch, ob Pasternak Stalin hinterher zurückrufen wollte, beschreibt Martin nach der Lektüre. Dass Pasternak Mandelstam denunziert habe, behauptet allerdings laut Martin keine der hier versammelten Versionen des Gesprächs, vielmehr zeigt sich, dass es Stalin vor allem darum geht, Pasternak einzuschüchtern. Elegant und informativ ist dieses Buch, findet Martin, der Parallelen zieht zu Kadares eigener Vergangenheit als ebenfalls dem Regime ambivalent gegenüberstehender Autor im stalinistischen Albanien. Die Frage jedoch, warum überhaupt so viele Versionen des Gesprächs im Umlauf sind, wird von Kadare nicht beantwortet, hier hätte sich Martin eine eingehendere Analyse der sowjetischen Öffentlichkeit gewünscht. Dennoch ein lesenswertes Buch, das mit Blick auf Putins Russland auch ziemlich aktuell ist, so das Fazit.