Isachar Falkensohn Behr

Gedichte von einem polnischen Juden

Cover: Gedichte von einem polnischen Juden
Wallstein Verlag, Göttingen 2002
ISBN 9783892445111
Gebunden, 104 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Andreas Wittbrodt. "Gedichte von einem polnischen Juden" - mit diesem geradezu provokanten Titel spielte 1772 der damals anonyme Autor Isachar Falkensohn Behr mit gängigen Vorurteilen vornehmer Leser und - vor allem - Leserinnen, galten doch die Ostjuden in den deutschen Metropolen als fromme, aber ungebildete, schwarzvermummte Gestalten mit finsterem Blick und bärtigen Gesichtern. Mit dieser Edition wird die erste Lyriksammlung eines deutschsprachigen Juden nachgedruckt - eine Sammlung, die auch Goethes Aufmerksamkeit erregte. Falkensohn Behr, ein Juden aus dem Osten im aufgeklärten Berlin Moses Mendelssohns, fand in der Anakreontik poetische Formen und Motive und in der Kultur der Freundschaft, die in der Rokoko-Dichtung propagiert wurde, das geeignete Milieu zur Integration.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.03.2003

Jan Wagner vermeldet eine historisch bedeutende Veröffentlichung: die "mutmaßlich erste Publikation eines jüdischen Dichters in deutscher Sprache". Viel Definitives sei über Isachar Falkensohn Behr nicht bekannt: Er wuchs im litauischen Salantin auf, scheiterte als Kaufmann in Königsberg und ging dann zum Medizinstudium nach Berlin, wo er, gefördert von Moses Mendelssohn, eine kurze Dichterkarriere hatte. Wagner ist sich mit dem Herausgeber Andreas Wittbrodt und dem Zeitgenossen Goethe einig, dass Behrs Gedichte literarisch eher dürftig sind: "Zu angepasst schienen und scheinen die Verse an das damalige deutsche Umfeld, an die Lyrik der Anakreontik, die sich dem geselligen Umtrunk und der kecken Werbung verschrieb." Der Wert der Ausgabe - der ersten seit 230 Jahren - liege viel eher in der Entdeckung eines bikulturellen Dichters, dessen "an Mendelssohn geschulter, aufklärerischer Anspruch" im erhellenden Kontrast zu seinen "tändelnden Versen" stehe.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2003

Gleich zwei Neuausgaben widmen sich Isachar Falkensohn Behrs Gedichten, die erstmals im Jahr 1772 veröffentlicht wurden - und ordentlich verrissen. Dass sie sich nun wieder eines breiteren Interesses erfreuen dürfen, erzählt Alexander Kosenina, verdanken sie vor allem der Prominenz des damals ungnädigen Kritikers: Der junge Herr Goethes war's, der gegen Falkensohn Behrs barocke Lyrik die wahren Empfindungen des Sturm und Drang in Stellung brachte. Und dabei die Bedeutung der Gedichte völlig verfehlte: Der akkulturierte Aufklärer Falkensohn Behr war laut Kosenina der erste jüdische Autor überhaupt, der statt in hebräischer Schrift in lateinischer Antiqua schrieb. Die beiden nun erschienenen Editionen der Gedichte findet der Rezensent gleichermaßen "schmuck", hebt aber Unterschiede in der Interpration durch die Herausgeber hervor. So betont Gerhard Lauer (Röhrig Universitätsverlag) die perfekte Integration in die barocken "anakreontischen Freundschaftsbünde", Andreas Wittbrodt (Wallstein Verlag) versucht, eine Wahrung der jüdischen Identität in den Gedichten aufzuspüren. Darüberhinaus findet Kosenina die Wittbrodt-Edition mit ihrem marmorierten Festeinband hübscher gestaltet, die Lauer-Edition enthält allerdings auch Goethes Verriss und Behrs Lobgedicht auf Katharina II.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.07.2002

1772 rezensierte Goethe für "Frankfurter Gelehrten Anzeigen" die Gedichte Isachar Falkensohn Behrs (1746-1817) und ging dabei wenig zimperlich mit Behr um, weiß Rezensent Jörg Drews. Auch Drews zeigt sich von den Gedichten im Stil der Anakreontik nicht sonderlich begeistert: "Wir haben hier keinen großen Dichter neu zu entdecken". Aber im Unterschied zu Goethe erblickt Drews in Behr, der versuchte als polnischer Jude in der deutschen Literatur Fuß zu fassen, einen "nachdenklich stimmenden Fall der deutsch-jüdischen Literaturgeschichte". Drews lobt dabei insbesondere den Herausgeber Andreas Wittbrodt, der diesen Fall sichtbar gemacht und detailliert kommentiert hat. Ihm kommt laut Drews das Verdienst zu, den "Spuren jüdischer Existenz und des Bewusstseins Behrs von seiner Situation in den Gedichten" genauer nachgegangen zu sein.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.04.2002

Andreas Kilcher hat bei der Lektüre dieser Gedichte einiges gelernt über die Situation der Juden in Deutschland am Beginn der Aufklärung. Isachar Falkensohn Behr war der erste Jude, der seine Gedichte auf Deutsch schrieb. Auch wenn die Gedichte selbst vielleicht nicht durch "ästhetische Novität und Qualität" glänzen - jedenfalls fand das Goethe - so machen sie doch deutlich, mit welchen Vorurteilen Falkensohn Behr zu kämpfen hatte, die es in Deutschland ausschlossen, dass einer Jude und zugleich ganz normaler Mensch sein konnte. Behrs Gedichte waren "a la mode", schreibt Kilcher. Aber selbst Goethe genügte das bei einem Juden nicht. Der hätte nämlich besser sein müssen als ein "christlicher etudiant en belles lettres", zitiert Kilcher den deutschen Dichterfürsten. Und so lobt Kilcher am Ende seiner Kritik ausdrücklich den Verlag für die Herausgabe dieses Bandes, der die "ersten Anfänge der deutsch-jüdischen Symbiose" zeigt, und Andreas Wittbrodt für sein "informatives Nachwort".
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