Aus dem Italienischen von Federica Matteoni. Beinahe zwei Jahre hat der italienische Zeichner Igort zwischen 2008 und 2009 die Ukraine, Russland und Sibirien bereist, um die Erinnerungen der Menschen in Wort und Bild zu dokumentieren, denen er auf seinem Weg begegnet ist. Dabei versucht Igort eine Antwort darauf zu finden, wie und was die Sowjetunion wirklich gewesen ist. Ähnlich seinen Berichten aus der Ukraine (ebenfalls bei Reprodukt) verhandelt Igort im zweiten Teil seines Diptychons die Vergangenheit und die Gegenwart Russlands. Auf seiner Reise sprach er mit den Menschen auf der Straße: über den Krieg in Tschetschenien, das Blutbad nach der Geiselnahme von Beslan aber auch über die stalinistischen Gulags, jene Lager, in denen Millionen Menschen, die nicht mit dem Sowjetregime konform gingen, ihr Leben verloren. Im Zentrum des Buchs steht aber die 2006 ermordete russisch-amerikanische Menschenrechtlerin Anna Politkowskaja.
Diese Comicreportage von Igort erinnert Rezensent Ralph Trommer daran, dass die Folgen des stalinistischen Terrors in Russland noch längst nicht überwunden sind. Die "Kontinuität brutaler russischer Machtpolitik" führt ihm Igort mit "einfühlenden Bildern" eindringlich vor Augen. Insbesondere die Schilderungen aus dem zweiten Tschetschenienkrieg lassen ihn das erkennen. Erschreckend deutlich wird ihm auch, dass die Russen ihre brutale imperiale Geschichte nie aufgearbeitet haben.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 24.11.2012
Die Comic-Reportage steht seit Guy Delisle und Joe Sacco hoch im Kurs, und in den Augen des Rezensenten Christoph Haas tut sie dies zu recht. Angesichts der unaufhaltsamen Flut von Bildern, guten, schlechten, aufgemotzten, gefotoshopten und gefälschten gewinnen seiner Ansicht nach die Bilder einer Comic-Reportage an Bedeutung, die nicht nur als komponiert, sondern auch als reflektiert klar erkennbar sind. Diese "Berichte aus Russland", in denen sich der italienische Künstler Igort mit dem Tschetschenien-Krieg im Allgemeinen und der Journalistin Anna Politkowskaja im Besonderen auseinandersetzt, haben Haas gleich doppelt beeindruckt: Die Reporterin erscheint ihm in Igorts Erzählung nicht nur als sehr mutig, sondern auch von "unerschütterlicher Sanftheit". Und weil der Zeichner nie die Gräuel des Krieges ästhetisiert oder instrumentalisiert, hat ihm der Comic tatsächlich "Tränen der Wut" in die Augen getrieben.
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