Aus dem Französischen von Lena Müller. Einmal im Jahr, am Todestag seiner Mutter, trifft ein junger Student seine Tante zu einem Spaziergang im Jardin du Luxembourg. Unter Platanen, die ihre ersten Blätter verlieren, eröffnet sie ihm nach Jahren plötzlich: Es war Selbstmord. Eines Nachts im Oktober schluckte die Mutter Medikamente, bevor sie sich auf die Gleise der Gare de Lyon legte. Ihr Sohn war sechs Jahre alt. Was tun mit einer solchen Wahrheit? Der junge Mann versucht, sie zu verstehen. Über ein zufällig entdecktes Foto trifft er alte Freundinnen seiner Mutter und findet Zugang zu einem Teil ihrer Geschichte, der ihm bisher verborgen geblieben ist. Er wird keine abschließende Antwort finden, aber eine Vielzahl von lebendigen Fiktionen. Seine Mutter hat sich nachts das Leben genommen. Daher beschließt er, wachzubleiben, seine Streifzüge durch Paris auszudehnen, als könnte er das Geschehene so überdecken und sich ihr zugleich auf neue Weise annähern. Und er überschreitet eine Grenze: die Schwelle zum Schwulenclub "Le Hangar" und zu seinem eigenen Begehren. Die Nacht wird zu einem neu zu erforschenden Terrain.
Der Protagonist von Hugo Lindenbergs neuem Roman ist ein junger Mann, dem nach fünfzehn Jahren enthüllt wird, dass seine Mutter sich das Leben genommen hat und nicht durch einen Unfall gestorben ist, erzählt Kritiker Cornelius Wüllenkemper. Der namenlose Ich-Erzähler lebt hedonistisch in den Tag hinein, fängt nach dieser Enthüllung aber an, sich auf die Spuren des Lebens seiner Mutter zu begeben und neben seinen "zahllosen Sex-Abenteuern" herauszufinden, wie die Mutter "als Feministin in der revolutionären Linken" gelebt hat. Wüllenkemper gefällt, wie vielfältig, auch stilistisch, Lindenberg die verschiedenen Entdeckungspfade seines Protagonisten schildert, der in diesem vielschichtigen Prozess "das eigene Verhältnis zur Welt neu zu justieren" lernt.
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