Klappentext

Der Ausbreitungserfolg wissenschaftlichen Wissens beruht nicht auf der Tätigkeit von Propheten und Missionaren. Die Wissenschaft kennt keine heiligen Bücher. Sie verlangt von uns Neugier statt Bekehrung und sie empfiehlt sich überdies durch die Lebensvorzüge ihrer technischen, organisatorischen und kulturellen Nutzung. Zur Attraktivität dieser Lebensvorzüge gehört, dass sie die Werte unserer kulturellen Herkunftswelten gar nicht in Frage stellen. Modernisierungsschübe begünstigen sogar Renaissancen kulturell massgebender Traditionen. Auch für die Religionen gilt das im Orient wie im Westen, in den USA zum Beispiel.Die ökumenisch, nämlich global gewordene moderne Zivilisation bleibt somit eine Zivilisation der Vielfalt regional und national, nach Staaten und Religionsgemeinschaften. Nicht immer handelt es sich dabei um eine friedliche Welt, wie uns aggressive Fundamentalismen lehren. Aber die Zwänge der Kooperation, ohne die die Lebensvorzüge der modernen Zivilisation nicht zu haben wären, wachsen. Sogar Demokratisierungszwänge sind wirksam nicht wegen der unwiderstehlichen Zugkraft westlicher politischer Ideale, vielmehr wegen der Abhängigkeit moderner Wohlfahrt von expandierenden Freiräumen individueller und kollektiver Selbstbestimmung.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2005

Brillant und nüchtern findet Ludger Heidbrink die philosophische Analyse der Globalisierung von Hermann Lübbe. Die Globalisierung als "Welteinheitszivilisation" verstanden, liefere mit ihren Problemen auch zugleich die Lösungen, da die positiven Triebkräfte wie Wohlstand, Liberalismus und Achtung der Menschenrechte von niemandem der "halbwegs bei Sinnen" sei, bestritten werden könnten. Ihre Kehrseite sehe Lübbe im religiösen Konfliktpotenzial, das er, im Gegensatz zu Huntingtons "clash of civilizations", von der kulturellen Ebene auf den Brennpunkt der Weltreligionen verlege. Die Wiederbelebung der Religion sei keine Praxis der Kontingenzbewältigung und Sinnstiftung mehr, sondern habe sich aus den globalisierten, miteinander konkurrierendem Verhältnissen zum "Konfliktverschärfer" entwickelt. "Nicht das ganz Andere", zitiert Heidbrink, "sondern das Abweichlertum sei gefährlich", konstatiert der Autor. Dabei lasse sich auf den religiös motivierten Kriegsschauplätzen oft genug der gemeinsame konfessionelle Ursprung in der "abrahamitischen Religion" beobachten. Für den Umgang mit politischen Konflikten religiöser und kultureller Natur gestehe der Philosoph den USA mit einer "zivilreligiösen Verfassung" eine größere Lösungskompetenz zu. Auf dem Weg zur "Zivilisationsökumene" sei die Gleichberechtigung unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften eine unerlässliche Bedingung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.12.2005

Durchaus beeindruckt zeigt sich Rezensent Uwe Justus Wenzel von Hermann Lübbes Buch über die "Zivilisationsökumene". Wie Wenzel erklärt, ist damit die "wissenschaftlich-technische Zivilisation" gemeint, die Lübbe als die einzige Ökumene versteht, die sich global durchgesetzt und über die verschiedensten Kulturen der Erde gelegt hat. Erhellend findet Wenzel die Ausführungen Lübbes zum Thema Globalisierung. Hier werde verdeutlicht, wie die Globalisierung mit der räumlichen Erschließung der Erde einhergeht und inwiefern die Wissenschaften "stärker als jeder andere Faktor" zur Beschleunigung der "zivilisatorischen Evolution" (Lübbe) beitragen. Weiter lege er da, wie Wissenschaft und Technik sich "längst ohne jede Rückbindung an einen alteuropäischen Herkunftskulturmutterboden" (Lübbe) weltweit ausbreiten und inwiefern die Verschärfung religionspolitischer Konflikte die erwartbare Rückseite der Globalisierung bildet. Wenzel hebt hervor, dass Lübbe auch die zunehmende Ungleichverteilung der zivilisatorischen Vorzüge anspricht, aus denen vermehrt soziale und politische Spannungen resultieren. Trotzdem hätte sich Wenzel bei Lübbe etwas mehr Aufmerksamkeit für die ökonomischen Vorgänge und für die Kategorie der Macht gewünscht.