Aus dem Französischen und mit einem Essay von Leopold Federmair. Im Jahr 1955 lebte nicht nur Elias Canetti in Hampstead, London, sondern auch der französische Schriftsteller Henri Thomas, damals im Brotberuf als Übersetzer für die BBC tätig. Beide Autoren waren vom Phänomen der großstädtischen Masse fasziniert. Während Canetti mit "Masse und Macht" eine systematische Darstellung vorlegte, schrieb Thomas 1956 mit der "Nacht von London" die Geschichte eines ziellosen Herumstreuners, der "einen extremen Gesichtspunkt auf die Menge" entwickelte. Das Ergebnis war eine Traumgeschichte, gewoben aus Realitätsbruchstücken, die an die Geheimnisse und Abgründe der menschlichen Existenz rührt.
Das Buch wird ergänzt von einem biografischen Essay des Übersetzers Leopold Federmair, der damit zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum eine Gesamtdarstellung von Leben und Werk des französischen Autors bietet.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.10.2016
Henri Thomas' französischer Protagonist und, wie Rezensent Thomas Laux vermutet, sein literarisches Alter Ego, ist ein Einzelgänger wie er im Buche steht, scheu und zurückhaltend ohne sich jedoch gegen zwischenmenschliche Kontakte zu sperren, nur bleiben diese immer fragmentarisch, im Ansatz stecken und er am Ende einsam. Was er bei seinem Streifzug durch das nächtliche London sucht, ist das, was sich nicht suchen lässt, lesen wir, das Unerwartete, das Verlieren, das "gezielte Überschreiten von Gewissheiten". In seinen Wegen und Abwegen spiegeln sich seine wandelnden Gedanken, die, so der Rezensent, eine ungewöhnliche Mischung aus philosophischen, psychologischen, soziologischen und poetischen Beobachtungen bilden. Dass diese Mischung Laux berührt hat, können wir allerdings nur zwischen den Zeilen lesen.
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