Heinrich Mann

In einer Familie

Roman
Cover: In einer Familie
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783100478184
Gebunden, 329 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

Der junge Erich Wellkamp lernt in der Sommerfrische Major von Grubeck und seine Tochter Anna kennen. Erich weiß es sofort: Anna bietet ihm die Sicherheit, auf die er gewartet hat. An sie kann er sich anlehnen und vom Leben ausruhen. Aber es kommt doch anders als erwartet. Erich begegnet seiner Schwiegermutter Dora, der zweiten, sehr viel jüngeren Frau des Majors. Erich verfällt ihr mit Haut und Haar. Sie nutzt einen gemeinsamen Opernbesuch, um ihn zu verführen. Beide beschwören damit die Tragödie herauf, und aus der einen Nacht wird eine verhängnisvolle Affäre, die alle Beteiligten die Grenzen der Vernunft missachten läßt. Heinrich Manns Erstling erschien 1894, sechs Jahre vor Buddenbrooks, vier Jahre später eine zweite Auflage und dreißig Jahre danach eine vom Autor überarbeitete Fassung. Seitdem ist "In einer Familie" nicht mehr erhältlich. Der Roman wird in der Fassung des Erstdrucks wiederveröffentlicht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.07.2000

In einer Doppelrezension bespricht Thomas Fitzel den Debüt-Roman von Heinrich Mann sowie eine Biografie über den Autor. Dabei geht Fitzel zunächst ausführlich auf die Entstehungsgeschichte und die Begleitumstände von "In einer Familie" ein.
1) Heinrich Mann: "In einer Familie" (S.-Fischer-Verlag)
Nach Fitzel hatte Heinrich Mann keinen "Grund, sich für dieses Début zu schämen". Zwar diagnostiziert der Rezensent in mancher Hinsicht Anzeichen des Kitsches, die ihn an D`Annunzio und Courths-Mahler erinnern. Dennoch sei Manns literarisches Talent - besonders in den Dialogen und seinen "soziologisch genauen Betrachtungen" - unverkennbar. Auffallend findet Fitzel die familiären Eigenanteile Manns in den Figuren, worauf nicht nur der Name Erich Wellenkamp hinweist ("er und ich"). Auch das "ambivalente libidinös aggressive Verhältnis zur Mutter" Julia lässt sich nach seiner Ansicht vor allem an der Figur der exotisch-erotischen Schwiegermutter Dora ablesen. In diesem Zusammenhang macht der Rezensent auf die von dem jungen Heinrich Mann bevorzugte Technik der Zitatmontage aufmerksam, die er zu dieser Zeit vehement verteidigt hat und die ihm die Möglichkeit zu "Maske, Komödiantentum und Verkleidung" ermöglicht hat.
2) Stefan Ringel: "Heinrich Mann. Ein Leben wird besichtigt (Primus-Verlag)
Fitzel hält dieses Biografie als Einführung in das Leben und Werk Heinrich Manns für geradezu "unentbehrlich", auch wenn er den ein oder anderen Aspekt zu kritisieren weiß. So deutet Fitzel an, dass es interessant gewesen wäre, Manns literarisches Schaffen einmal nicht aus der "Perspektive des gereiften" Autors zu interpretieren, sondern von seinem frühen Werk auszugehen. Davon hätte sich der Rezensent neue Erkenntnisse und ein Aufbrechen des "festgefügten Interpretationsschemas" versprochen. Darüber hinaus hätte er sich in mancher Hinsicht eine genauere Betrachtung gewünscht, etwa in der Art Gottfried Benns, der 1931 in einer Rede auf die Nähe Manns zu Nietzsche und den Nihilismus einging.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2000

Ein Jugendwerk neu aufgelegt, und Hermann Kurzke findet, dass, wer Heinrich Mann noch nicht kennt, diesen Roman nicht unbedingt zuerst lesen sollte. Zu viel kopierter "Altersstil Goethes" ist darin, "gequälte Umständlichkeit" und "psychologisierende Rhetorik". Dennoch, ganz abtun will Kurzke das Werk des damals Einundzwanzigjährigen auch nicht. Denn was sich hier schon zeigt, der Blick auf die "Labilen, Würdelosen und Nervenschwachen", wird später zu einer großen Stärke Heinrich Manns werden. Seine Inszenierung ihrer gleichzeitig vorhandenen unterschwellig-sadomasochistischen Sexualität, die "koaliert mit ihrem Willen zur Macht", hat unvergesslichen Gestalten wie "Professor Unrat" und den "Untertan" auf die Welt geholfen. Hier ist das alles noch "groß gewollt aber schlecht gemacht": zwei miteinander verschwägerte Ehepaare leben im selben Haus, drei der Protagonisten geben sich einer ehebrecherischen, wollüstigen Beziehung bzw. eines voyeuristischen Genusses an ihr hin; nur die "reine" Figur der Anna, die am Schluss als Mutter triumphiert, ist vom Autor - sehnsuchtsvoll, vermutet Kurzke - aller Psychologie enthoben. Eine Möglichkeit immerhin, meint der Rezensent, "die Motive des Anfangs kennen zu lernen", und zu sehen, wie sehr die "Dekadenz" die damalige Jahrhundertwende mit der unsrigen Zeit verbindet.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.05.2000

Dorothea Dieckmann glaubt, dass dieser Roman, wäre er "ein Neuling, wegen null Pflichtpunkten in `lustvollem Erzählen` keine Chance hätte". Allzu simpel, klischeehaft und berechenbar ist die Geschichte ihrer Ansicht nach, und allenfalls als frühes literarisches Zeugnis des Autors und "ideengeschichtliches Dokument" von Interesse. Spürbar ernüchtert beschreibt die Rezensentin Manns seelenkundliche Ausführungen, seine Gratwanderung zur Erbauungsliteratur, in der der Autor - wie sie findet - "die eigene Zerrissenheit zwischen patrizischem Quietismus und künstlerischer Herausforderung durchexerziert". Zur Verteidigung Manns weist Dieckmann jedoch darauf hin, dass der Autor drei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung des Romans selbst angedeutet hat, dass ihm der junge Autor des Buches, der er selbst einmal war, mittlerweile fremd geworden ist.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.05.2000

Nach Frauke Meyer-Gosau handelt es sich bei diesem Buch nicht gerade um ein Meisterwerk des Autors, bei dem eher diejenigen Leser auf ihre Kosten kommen, die für "Autor-Seelen-Voyeurismus" etwas übrig haben. Spürbare Ermüdungserscheinungen zeigt die Rezensentin, wenn sie auf Manns Erläuterungen zu sprechen kommt, "wie die Menschen so sind und warum - besonders natürlich das dämonische Weib". Überhaupt verrate der Roman mehr über den jungen Heinrich Mann selbst als über die Figuren, die ihr zu klischeehaft dargestellt sind. Bedauerlich und inkonsequent findet sie vor allem, dass die "wüst angelegte" Geschichte nie wirklich wüst wird. Nicht zuletzt weist die Rezensentin darauf hin, dass dieses Buch seit den zwanziger Jahren verschollen war und nun neu aufgelegt wurde.
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