Anknüpfend an seine früheren Studien zur antiken Tragödie - "Theater und Mythos" - und an sein Standardwerk "Postdramatisches Theater" entwirft der Theatertheoretiker Hans-Thies Lehmann in seinem neuen Buch eine Theorie der Tragödie, die sich in Europa von der Antike bis in die postdramatische Gegenwart entwickelte. Dabei wird das Konzept der tragischen Erfahrung als einer strikt an Theatererfahrung gebundenen erläutert. Im Zentrum steht die neuzeitliche Tragödie seit der Renaissance und die Frage nach der Gegenwärtigkeit der Tragödie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2015
Zwei unterschiedliche, aber gleichermaßen brillante Neuerscheinungen über das Theater hat Rezensent Thorsten Jantschek entdeckt. Während sich der Theaterkritiker Rüdiger Schaper in seinem Buch "Spektakel" mit den Theaterverächtern und seinen persönlichen Glückserlebnissen im Theater beschäftigt, liest Jantschek in Hans-Thies Lehmanns neuem Werk "Tragödie und dramatisches Theater" insbesondere eine Auseinandersetzung mit den allzu "innigen" Liebhabern des Mediums. Vor allem aber erscheint dem Kritiker das Buch des Theaterwissenschaftlers als äußerst informatives "Theorie-Exerzitium", in dem er lernt, dass die allzu große Fixierung auf den Text und die Nähe der Tragödie zur Philosophie den "erlösenden Moment des Wiedererkennens" verdrängt, der sich nicht in der Lektüre, sondern nur durch das Miterleben des Zuschauers offenbart. Fasziniert folgt Jantschek auch Lehmanns präzisen Einzelanalysen von Racine über Schiller zu Kleist und Hölderlin bis zum "postdramatischen" Theater der Gegenwart. Nach der Lektüre dieser "theatralischen Theorie des Tragischen" ist der Rezensent schlicht überwältigt.
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