Die Beseitigung des Baudekors der Gründerzeit, die "Entdekorierung" der Fassaden, hat das Berliner Stadtbild seit 1920 geprägt wie kaum eine andere bauliche Maßnahme in der Epoche der Moderne. Der Band geht der wechselhaften Geschichte dieses radikalen Vorgehens nach und identifiziert die Protagonisten und ihre Motive. Die architektonische Moderne zog einen wesentlichen Teil ihrer kreativen Energie aus der Verachtung für das 19. Jahrhundert. Besonders die "unschöpferischen" und "handwerklich schlechten" Bauten der Jahre nach 1870 wurden vehement abgelehnt. Da man diese nicht vollständig beseitigen konnte, musste man sich vielfach mit der äußerlichen Anpassung von Gründerzeithäusern an die Gestaltungsprinzipien der Moderne begnügen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2013
Eine höchst wichtige Erkenntnis und eine sich anschließende Frage zumindest beschert das Buch des Berliner Kunsthistorikers Hans Georg Hiller von Gaertringen, eine "minutiöse" Rekonstruktion der Bau-, Nutzungs- und Zerstörungsgeschichte von Straßen und Straßenzügen in Berlin und einer Reihe ostdeutscher Städten, dem Rezensenten Michael Mönninger: Nicht der Krieg, sondern der programmatische Vandalismus unter dem Kampfruf der "Entdekorierung" und Stilreinigung im 19. Jahrhundert haben unsere Städte zerstört. Warum nur, fragt sich Mönninger, leben die heutigen Städter immer noch lieber in diesen "verkrüppelten" Häusern als in Neubauten.
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