Hans Belting

Florenz und Bagdad

Eine westöstliche Geschichte des Blicks
Cover: Florenz und Bagdad
C. H. Beck Verlag, München 2008
ISBN 9783406570926
Gebunden, 319 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Wie und was wir sehen, ist in hohem Grade von der Kultur geprägt, in der wir leben. Eine Geschichte des Bildes ist daher unvollständig ohne eine Kulturgeschichte des Blicks. Hans Belting vergleicht in seinem neuen Buch den Blick der westlichen Welt, der im Florenz der Renaissance geboren wurde und völlig neuartige Bilder hervorbrachte, mit dem der islamischen Welt. Innerhalb dieser spielte Bagdad als kulturelles Zentrum auch für die Kunst des Westens eine entscheidende, bisher jedoch kaum bekannte Rolle. Der perspektivische Blick war eine der aufsehenerregendsten Entdeckungen der Renaissance und bewirkte den größten Einschnitt in der Geschichte der westlichen Kunst. Das perspektivische Bild ist heute allgegenwärtig und wird in die ganze Welt exportiert. Seine Dominanz lässt jedoch vergessen, dass es keineswegs unser natürliches Sehen abbildet. Die islamische Welt kennt einen gänzlich anderen Blick, den ihre Kunst widerspiegelt: einen überpersönlichen Blick, der nicht an einen bestimmten Standpunkt in der Welt gebunden ist. Belting beleuchtet hier auch das Bilderverbot des Islam, denn es tabuisiert schon das bloße Ansehen von Bildern. Aus diesen Voraussetzungen erschließt er die Kunst des Islam, ihre Buchmalerei, ihre Ornamentik und die Rolle der Kalligraphie, auf überraschende und fesselnde Weise neu.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2008

Deutlich empfindet Friederike Reents die Sprengkraft der Thesen des Kunsthistorikers Hans Belting. Seine mit der Entdeckung der Zentralperspektive einsetzende Geschichte des Blicks weist für sie weit über bisherige Forschungen zum Thema hinaus. Dass Belting den Fokus in westöstlicher Richtung scharfstellt, ist für Reents eine kunsthistorische Provokation. Staunend folgt sie Beltings Ausführungen zum Ursprung zentralperspektivischen Sehens in Bagdad und den "Übertragungsfehlern", die das Florenz der Renaissance als Ursprungsort erscheinen ließen. Wie der Autor dabei weiträumig Kultur- und Wissenschaftsgeschichte mit philologischer Präzision neu erschließt, hat Reents imponiert. Eine künftige Konfrontation der westlichen und der islamischen Wissenschaftskulturen, meint sie, hat mit diesem Buch einen verlässlichen Richtungsweiser.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.05.2008

Rezensent Emmanuel Alloa wittert ein neues Genre. Vergleichende Psychohistorie, verpackt in elegante Wissenschaftsprosa. Dass Hans Belting seine morgen- und abendländische Perspektiven kreuzende Kulturgeschichte des Blicks nicht ohne wissenschaftshistorische alte Hüte und Kurzschlüsse zustande bringt, möchte Alloa ihm gerne verzeihen. Schon angesichts der ihm höchst attraktiv erscheinenden These, im Islam nehme das Bilderverbot die Form eines Blickverbots an. Der historische Rahmen, in den der Autor seine These stellt, gefällt Alloa zudem als pikante Volte, die die Zentralperspektive arabisch begründet, und Aufforderung, die Verflechtungen der angeblich so kämpferisch einander zugetanen Kulturen neu zu beleuchten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2008

Lobend äußert sich Valentin Groebner über Hans Beltings "westöstliche Geschichte des Blicks". Das Buch des Kunsthistorikers zeigt für ihn einmal mehr, dass sich die europäische Geschichte und insbesondere die Epoche der Renaissance nicht angemessen verstehen lassen, wenn man nicht die islamische oder "orientale" Aspekte einbezieht. Besonders instruktiv findet er Beltings Untersuchung der Grundlagen der Zentralperspektive, durch die in der Renaissance ein neuer Bild- und Raumbegriff etabliert wurde. Überzeugend führe der Autor vor Augen, dass diese Erfindung auf dem "Buch der Sehtheorie" des arabischen Physikers, Mathematikers und Philosophen Alhazen (965-1039) basiert, das ab dem 13. Jahrhundert im lateinischen Westen rezipiert wurde. Dabei weise der Autor die diversen Umsetzungen dieser mathematisch fundierten Sehtheorie in der islamischen und in der westlichen Kunst nach. Groebner verhehlt nicht, dass sich Beltings Buch im Detail durchaus kritisch betrachten lässt. Manche Überlegung wirkt auf ihn grob skizziert oder nur angedeutet. Insgesamt aber bescheinigt er dem Autor, dass ihm mit seiner Studie "etwas Grundsätzliches" gelungen sei.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.03.2008

Ein spannendes Buch, findet Rezensent Martin Warnke. Der Byzantist Hans Belting hat erforscht, inwiefern sich der europäisch und der arabisch geprägte Blick, das von Christentum oder vom Islam beeinflusste Betrachten, unterscheiden. Das Ergebnis ist nach Meinung des Rezensenten "gedanken- und faktengesättigt". Immer wieder unterbricht Belting seine von der westlichen Kunst geprägte Blickgeschichte mit Blickwechseln, die Auffassungen und Erfindungen der arabischen Seite hervorheben. So werden die kulturellen Unterschiede im Umgang mit Bildern auf eine gelungene und ausgewogene Weise beschrieben, die "den Leser in wohl dosierten Abständen glücklich macht, dass es die andere Welt gegeben hat".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.03.2008

Das Buch des Kunsthistorikers und Bildwissenschaftlers Hans Belting hat Arno Widmann neue Horizonte eröffnet. Die Untersuchung über die wechselseitigen Bezüge zwischen orientalischer und okzidentaler Wahrnehmung fußt auf der Diagnose, dass die europäische Zentralperspektive eine Fortführung der Sehtheorie des muslimischen Optikers Alhazen (965 - 1040) war. Alhazens mathematische und experimentelle Lichtanalyse hat dabei zu einer "Geometrisierung der Weltwahrnehmung" geführt, die in der islamischen Kunst zu Abstraktionen führte, während die europäische Kunst zur Zentralperspektive und Raumtiefe gelang. Hilfreich bei der Lektüre des hervorragenden Führers durch das "Gestrüpp aus Philosophie, Optik, Handwerk und Theologie in Ost und West" sind die zahlreichen Abbildungen, so der Rezensent. Belting sei eine neue Sichtweise auf die Verflechtung zwischen Kunst und Wahrnehmung gelungen, die bisher falsch interpretiert worden sei, schließt Widmann begeistert.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.03.2008

Willibald Sauerländer feiert Hans Beltings jüngstes Buch, in dem er nachzuweisen sucht, dass die Entwicklung der westlichen Zentralperspektive in der Kunst einen Wegbereiter in der arabischen Mathematik und Philosophie gehabt hat, als furiosen "Geniestreich". Das Verdienst des Kunsthistorikers sei es, die Geschichte der Zentralperspektive mit dem "Buch von der Sehtheorie" des arabischen Mathematikers, Physikers und Philosophen Alhazen aus dem 11. Jahrhundert zusammenzubringen, erklärt der Rezensent fasziniert. Mit dieser Art Bildkomparatistik gelingt Belting eine "hochaktuelle Pointe", lobt Sauerländer angeregt. Den etwas weitschweifigen allgemeinen Vergleich zwischen arabischer und westlicher Blickinterpretation findet er nur in Ausnahmen erhellend, zumeist aber doch ziemlich redundant und manchmal gar wegen seiner Gemeinplätze komisch. Das mindert nicht den aufregenden Fund, den Belting in seinem Buch präsentiert, betont der Rezensent, der damit nicht zuletzt zu einem toleranten und gleichberechtigten Kulturvergleich aufgerufen sieht.
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