Nach dem Erscheinen seines zweiten Kindertagebuchs "Die Berlinreise" wurde Hanns-Josef Ortheil häufig gefragt, wie er als Zwölfjähriger ein derart beeindruckendes Buch schreiben konnte. Dieser Frage ist er jetzt in dem Band "Der Sift und das Papier" nachgegangen. Schritt für Schritt wird erzählt, wie er, begleitet und angeleitet von Vater und Mutter, sich das Schreiben beibrachte. Er beschreibt, wie er übte und wie diese Übungen langsam übergingen in kleine Schreibprojekte, die er sich selber ausdachte und verfolgte. Es ist die Geschichte eines Jungen, der lange Zeit nicht sprach und der einen eigenen Weg zum Sprechen und Schreiben suchen musste.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2016
Hanns-Josef Ortheils Roman "Der Stift und das Papier" ist für Anja Hirsch nicht nur eine berührende Vater-Sohn-Geschichte, sondern auch ein wunderbares Buch über das Heranwachsen in den fünfziger Jahren der Bundesrepublik. Fasziniert liest sie, mit welchem Einfühlungsvermögen Ortheils Vater seinem Sohn, der wie die Mutter nach dem Tod seiner vier Brüder verstummt, in einer Jagdhütte mit Schreib- und Zeichenübungen in die Welt der Sprache führt. Verzaubert lässt sich die Kritikerin mit auf diese kontemplative Reise nehmen und bewundert die Kunst der Formulierung, die den Autor bis heute auszeichnet. Dass Ortheil irgendwann den "sakralen" Raum der Vater-Sohn-Beziehung verlässt und die Geschichte seiner Schreibbiografie auf Reflexionen über Ruhm und Selbstzweifel ausweitet, erscheint der Rezensentin als Gewinn.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 01.12.2015
Der nun unter dem Titel "Der Stift und das Papier" erschienene Fortsetzungsroman zu Hanns-Josef Ortheils früherem Buch "Die Erfindung des Lebens" ist wesentlich besser als sein Vorgänger, verspricht Rezensent Burkhard Müller. Denn erfreulicherweise macht der Autor diesmal die autobiografische Prägung der Geschichte deutlich, wodurch das Buch unmittelbarer wirkt, meint der Kritiker. Mit einiger Beklemmung liest er die Geschichte des kleinen Hanns-Josef, der ähnlich wie seine Mutter, die vier Söhne im Krieg verloren hat, das Sprechen verweigert. Zugleich ist der Rezensent fasziniert, wenn er erlebt, wie der Vater das Kind dazu bringt, seine täglichen Erlebnisse aufzuschreiben. Neben den zahlreichen in die Erzählung eingebundenen Originalnotizen des Kindes liest Müller auch nach, wie erdrückend die Liebe der Eltern für den Jungen gewesen sein muss, der sich erst im Alter von elf Jahren ein wenig aus dem elterlichen Kokon befreien kann.
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