Der Erste Weltkrieg ist ein ideales Feld, um nach Figuren und Ereignissen zu fahnden, die entscheidende Entwicklungen beschleunigten oder erst in Gang setzten: Timofej Kirpitschnikow gehört zu jenen mehr oder weniger unbekannten "Helden", die uns darüber nachdenken lassen, auf welche Weise der so genannte "kleine Mann" den Lauf der Geschichte beeinflussen kann. Der Unteroffizier eines Garderegimentes in St. Petersburg weigerte sich im Februar 1917, auf hungernde Demonstranten zu schießen, und löste damit eine Lawine aus, die in kürzester Zeit zum Sturz des Zaren führte. Verena Moritz und Hannes Leidinger haben jahrelang recherchiert und bisher unbekanntes Archivmaterial entdeckt. Sie nehmen den Leser mit in die Werkstatt des Historikers und machen es möglich, Geschichte neu zu erleben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2006
Kritisch betrachtet Michael Salewski diese "andere Geschichte" des Ersten Weltkriegs, die Verena Moritz und Hannes Leidinger vorgelegt haben. Den Versuch der Autoren, anhand von fünf Episoden aus dem Ersten Weltkrieg den Einfluss "kleiner" Ereignisse oder Momente auf den großen Gang der Geschichte zu demonstrieren, quittiert er mit Skepsis. Auch das Umschwenken der Autoren auf die Totale, um ein Gesamtbild des Krieges zu erfassen, scheint ihm nicht gelungen. Gleichwohl hält er den Autoren ihren Versuch zu Gute, die Logik dieses unmöglichen Spagats zu "erklären". Überlegungen zu geschichtsphilosophischen und theoretischen Modellen, zu "kontrafaktischen Geschichten" und der Vorstellung von der Geschichte als "Spiel" findet er in "gepflegtem Plauderton" präsentiert. Der Komplexität der Sache allerdings werden die Autoren seines Erachtens damit nicht gerecht. Salewski vermisst schlicht "Logik" und "Stringenz" sowie eine Berücksichtigung des Forschungsstands. Zudem ärgert er sich über eine Reihe von Wortungetümen und Pauschalurteilen.
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