Gianni Vattimo

Jenseits des Christentums

Gibt es eine Welt ohne Gott?
Cover: Jenseits des Christentums
Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN 9783446204836
Gebunden, 192 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Martin Pfeiffer. Gibt es einen postmodernen Gott? Nietzsches Botschaft, Gott sei tot, ist Allgemeingut geworden. Aber wer ist an seine Stelle getreten? Der Philosoph Gianni Vattimo plädiert für eine neue Form der Christlichkeit: es könnte ein christlicher Glaube sein, der sich von allen Dogmen befreit hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.07.2004

Nicht wirklich überzeugt zeigt sich Balthasar Haussmann von Gianni Vattimos Buch "Jenseits des Christentums". Vattimo sehe die Entsakralisierung des Glaubens als konstitutiv für den christlich-jüdischen Monotheismus, berichtet Haussmann, in der Abschaffung Gottes erfülle sich die okzidentale Religiosität. Um diese These zu illustrieren, skizziere Vattimo drei heilsgeschichtliche Zeitalter, wobei an die Stelle der Dogmen, der kirchlichen Institutionen und Symbole zunehmend ein rein spiritueller Glaube trete. So erschließe sich der Schriftsinn der Bibel nicht mehr durch eine buchstabengetreue, sondern durch spirituelle Lektüre. Als Gegner dieser spirituellen, antikirchlichen Strömung in der christlichen Welt mache er vor allem das Judentum und die katholische Kirche aus. Die Polemik, mit der Vattimo beide angeht, findet Haussmann reichlich anmaßend. Am Ende von Vattimos Heilsgeschichte müsse es sich das Judentum - wie im übrigen auch alle anderen Religionen - gefallen lassen, in einer rein christlichen Spiritualität aufzugehen. "In der grenzenlosen Welt der großen Innigkeit", kritisiert Haussmann den Autor, "ist für Toleranz kein Platz."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.03.2004

Gott war längste Zeit tot, jetzt ist er back in town - Ludger Heidbrink zufolge ist das eine der gängigsten Aussagen über unsere nachmoderne Gegenwart. Deshalb begrüßt er ausdrücklich das Buch des Philosophen Gianni Vattimo, der die Religion der Gegenwart auf ein neues, nicht-dogmatische Fundament stellen will: Die "Wiedergeburt der Religion" ereigne sich "in dem Moment, in dem sie ihre autoritäre Rolle aufgegeben hat" und der Mensch zu einem subjektiven Glauben findet, der unbeeindruckt von metaphysisch-absoluten Direktiven bleibt. Heidbrink findet Vattimas Argumentation nachvollziehbar, nur ist er sich nicht sicher, ob es wirklich so weit her ist mit der "Renaissance der Religion". Ist es nicht doch nur, fragt er, ein "periodisches Phänomen" und als solches Abschnitt einer umfassenderen "Säkularisierungsgeschichte"?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2004

Zu wenig "ironische Selbstdistanz" zeichnet das neue Werk Gianni Vattimos aus, rügt Friedrich Wilhelm Graf. Das Buch, das ein neues Christentum als Garant der Freiheit im europäischen Integrationsprozess fordert, scheine nur auf den ersten Blick ein "empathisches Bekenntnis" zu Pluralismus und individueller Freiheit zu sein. In Wirklichkeit gelinge es dem Autor nicht, sich von "antithetischen Denkfiguren" von guter und schlechter Religion zu lösen. So werde zwar eine okzidentale Religionskultur auf liberalem Boden erträumt, doch die "Anhänger" der "alten" Religion macht Vattimo zu "bornierten Falschgläubigen" und schließt sie so aus der Gemeinschaft aus, kritisiert Graf. Er zeigt sich verärgert angesichts der "irritierenden" Selbstgewissheit des Autors, der seiner Meinung nach ein "schnell schreibender Assoziationsdenker" ohne Begrifflichkeiten ist. Sein Rat an Vattimo: ein bisschen mehr Selbstkritik und "Skepsis".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.03.2004

Der Turiner Philosoph Gianni Vattimo bleibt auch als Philosoph immer noch ein bisschen Theologe, bemerkt Martin Meyer und vergleicht ihn diesbezüglich mit Martin Heidegger. Mayer formuliert die Kernfrage von Vattimos neuem Essay so: Wie könnte ein Christentum beschaffen sein, das die absolute Wahrheit hinter sich gelassen habe und dennoch an den "Urformen seines Geistes" festhalte? Vattimos Gedankengängen haftet laut Meyer etwas Zirkuläres an, dennoch ergeben sich manchmal überraschende Ausblicke. Zum Beispiel gewinne Vattimo dem Begriff Säkularisierung eine "frische Bedeutung" ab, indem er darin nicht nur eine Profanisierung sakraler Inhalte, sondern auch eine "Erfüllung des Sakralen" im Geiste der Toleranz sieht. Ein bisschen zu viele freundliche und freundschaftliche Gesten sieht Meyer in Vattimos berühmten "schwachen Denken" sich manifestieren, das seines Erachtens nicht genügend mit der Ratlosigkeit anderer Theologen und Religionsphilosophen gerungen hat. Insofern habe Vattimos Sicht auf das Christentums - als einer der Gastfreundschaft und dem Dialog verpflichteten Haltung - eine Wendung ins Beschauliche genommen, merkt Meyer etwas unzufrieden an. Ob diese Art des "toleranten Spiritualität" den politischen Theologien und Fundamentalismen von heute standhalten könne, muss sich erweisen, setzt er zweifelnd hinzu.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2004

Für Christian Geyer liegt das Interessante dieses Buches von Gianni Vattimo darin, dass es "die Zukunft des Christentums" zu einem "genuin philosophischen Thema" macht, indem es die Frage freisetze, ob die Metaphysik der Griechen "konstitutiv für das Christentum" oder bloß eine "historische Opportunität" war, eine Philosophie, "die austauschbar ist" also, und darum heute "ohne theologische Verluste" durch die "postmoderne Dekonstruktion" ersetzt werden kann. Wenn, so Geyer, die Synthese des biblischen Glaubens mit dem hellenischen Geist, mit Aristoteles und mit neuplatonischer Ontologie, durch die Kirchenväter einmal als "missionarischer Akt" verstanden worden sei, als "Dolmetschung des Christlichen nach außen", so solle das Christentum, Vattimo zufolge, also nun zum selben Zwecke, und für eine Religiosität des "dritten Zeitalters", ein Bündnis mit der Dekonstruktion suchen. Entsprechend, erfährt man, stellt Vattimo es so dar, als sei das "lehramtliche Festhalten am die antike Metyphysik verarbeitenden Thomismus" eine bloße "Verlegenheitslösung"; als habe man also bislang nur "nichts Passenderes gefunden, um den Namen Jahwes auf den Begriff zu bringen".