Die thematisch breit gefächerten Beiträge reichen von interdisziplinären essayistischen Überblicken zu minutiösen Einzelinterpretationen literarischer Werke. Leitfragen sind: Literarische Strukturen in der Bibel und ihre theologische Aussage; die Umformung biblischer und theologischer Elemente in säkularer Literatur und deren Rückwirkung auf den dichterischen Text; Eigenart und Sinn der Geisteswissenschaften. Durchgehend wird die Dialektik der Kulturbewegung und die Rolle von Wissenschaft, Kunst und Literatur in ihr anvisiert. In den Blick kommt etwa die Artikulation des Gewissens in Bibel und antiker Tragödie; literarische Geschlechterphilosophie in der Literatur, der Streit der zwei Kulturen (Charles Percy Snow) im Erzählprozess, die moralische Katastrophe der Wissenschaft in der Gaskriegführung des Ersten Weltkriegs oder die verschlungene Geschichte des Freiburger Universitätsmottos, eines Christusworts am weltlichen Wissenschaftstempel.
Mit großem Gewinn hat Rezensent Rüdiger Campe diese Aufsatzsammlung gelesen, in der für ihn noch einmal "viele große Themen" des bedeutenden Germanisten Gerhard Kaiser versammelt sind. Der Band beginne mit Religionsgeschichtlichem, womit für Campe die Verbindung zu Kaisers Frühwerk über den Einfluss der Pietisten auf den deutschen Nationalismus, hergestellt ist. Weiter gehe es über Gottfried Keller, dem Kaiser "das Konzept des erdichteten Lebens" abgelesen habe, bis hin zu den Gegenbeispielen Heinrich Heine und Stefan George. Insgesamt stellt sich bei der Lektüre der Aufsätze, die sich für den Rezensenten durch virtuose Interpretationskunst auszeichnen, ein "merkwürdiger Bilderbogen", der Schlaglichter auf Kaisers Konzept von der Funktion der Literatur in Zeiten der Säkularisierung wirft.
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