Feridun Zaimoglu

Ruß

Roman
Cover: Ruß
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2011
ISBN 9783462043297
Gebunden, 352 Seiten, 18,99 EUR

Klappentext

Feridun Zaimoglu wendet sich in seinem neuen Roman einer Region zu, die deutscher kaum sein könnte: dem Ruhrpott, Industriebrache im Wandel zur Dienstleistungsregion. Die Gegend ist im Umbruch, und gebrochen ist auch der Held dieser Geschichte. Rentz war Arzt, doch als seine Frau von einem Einbrecher ermordet wurde, zerbrach seine Welt und brach sein Wille. Seit mehreren Jahren hilft er bei seinem Schwiegervater aus, der einen Kiosk mitten in Duisburg führt, kümmert sich um die Alltagssorgen der Trinker und Hänger, trauert um seine Frau und sinnt auf Vergeltung. Sein Leben kommt wieder in Fahrt, als er den Auftrag erhält, einen verstörten jungen Mann aus Warschau zurückzuholen. Wieder in Duisburg verliebt er sich in die Kellnerin Marja, doch dann holt ihn die Vergangenheit ein: Er erfährt von der Haftentlassung des Täters und heftet sich an seine Fersen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.10.2011

Einen "illustren Reigen von Männlichkeit? versammle der Autor in dieser Geschichte einer für deutsche Verhältnisse doch sehr untypischen Blutrache im Ruhrpott, findet Katharina Granzin, nur um dann ganz mitgerissen zu sein von dem versammelten Ensemble gescheiterter Figuren einerseits, von Feridun Zaimoglus Wortfindungskunst andererseits. Eine regelrecht "sprachbesessene Wirklichkeitstransformation?, in deren Verlauf man viele neue Wörter lerne, von denen man - Beispiel "Venusraute? - nicht immer exakt wisse, was sie eigentlich bezeichnen, sei das, wohl aber auch eine "veritable Kriminalgeschichte". Vorwerfen ließe sich dieser "prachtvollen Prosa? allenfalls, so Granzin, dass sie sich zu sehr in den Vordergrund spiele statt im Dienst der Geschichte zu stehen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2011

Feridun Zaimoglus Bücher dürfen nicht als authentische Protokolle von Subkulturen gelesen werden, stellt Rezensent Hubert Spiegel zunächst einmal klar, vielmehr recherchiere der Autor eher intuitiv und mache aus den wahrgenommenen "Tonfällen und Sprachfärbungen" eigene Erzählungen. Dies gelte auch für Zaimoglus neuen Roman "Ruß", der den Rezensenten weit in die Geschichte des Ruhrgebiets geführt hat. Spiegel liest hier vordergründig die Kriminalgeschichte um einen ehemaligen Arzt, der nach der Ermordung seiner Frau in einem Kiosk arbeitet und erst durch das Angebot eines zwielichtigen Bekannten, sich an dem Mörder zu rächen, langsam aus seiner Apathie erwacht. Spannender erscheinen dem Kritiker allerdings Zaimoglus Milieuschilderungen: einfühlsam zeichne er an seinen "pittoresk verwitterten" Figuren den Niedergang des Ruhrgebiets und seiner Arbeiterkultur nach.  Das geschehe mit so viel Fantasie, "mimetischem Sprachgefühl" und dem für Zaimoglu typischen "schrägen Pathos", dass dem Kritiker ziemlich egal ist, ob das damals alles auch tatsächlich so gewesen ist.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.08.2011

Eine "genießerische Verhaltenheit" dominiert Feridun Zaimoglus Roman "Ruß" findet Anja Hirsch doch das zurückhaltende Erzählverfahren des Autors gefällt ihr literarisch nicht so ganz. Frustriert fühlt sie sich, so frustriert wie vielleicht auch der Kiosk-Besitzer Renz, der ihr als Hauptfigur ein wenig blass und klischeehaft erscheint. In der Duisburger Tristesse dieses Romans liegt Hirsch oft zuviel Bierdunst in der Luft und Zaimoglus Dialoge aus der Unterschicht klingen ihr ein wenig zu sehr nach Sozialreportage. Hinter den rußgeschwärzten Fassaden in Renz' kleiner Ruhrpott-Existenz sieht Hirsch trotzdem eine bewegende Geschichte, die durchaus einem romantischen Motiv folgt - der "Flucht aus dem eigenen maßgeschneiderten Leben".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.08.2011

Aufs Neue erweist sich, lobt eine ziemlich begeisterte Meike Fessmann, Feridun Zaimoglu mit seinem jüngsten Roman als Meister der literarischen Verwandlung. Von allen Immigrantenthemen, auf die ihn mancher gern festlegen würde, entferne er sich mit diesem "kunstvoll-kargen" Ruhrpott-Kriminalroman. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der den Mörder seiner Frau jagen kann, will oder soll - und zwar vom Ruhrgebiet aus nach Österreich, Polen und anderswohin -, nur dass es dabei unversehens zu einer Vertauschung der Rollen zu kommen beginnt. Nicht weniger als eine "Kartographie der sozialen Verwerfung" gelinge, so Fessmann, dem Autor. Und das alles in einer Sprache, die aus dem Ruhrpott-Dialekt in ganz und gar überzeugender Manier ein Kunstidiom zu machen verstehe.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.08.2011

Ein Ruhrpott-Epos hat Feridun Zaimoglu geschrieben, dessen Helden für Thomas E. Schmidt ein bisschen zu klein geraten sind. Zaimoglus Roman lebt vom Milieu und seiner Schilderung, dem tristen Leben in der erloschenen Industriestadt Duisburg, durch die sich -  zwischen Pathos und Pommesbude - mehr oder weniger tragisch ein paar seltsame Gestalten bewegen. Zuviel Tristesse wird auf Dauer langweilig, findet Schmidt. Aber dem Epos fehlt vor allem eins: der Held - so lautet Schmidts Diagnose. Der resignierte Kioskbesitzer Renz, der plötzlich die Möglichkeit bekommt den Mord an seiner Frau zu rächen, erscheint ihm schwach, diesen inneren Konflikt glaubwürdig zu verkörpern. Wie Renz kann sich auch Zaimoglu nicht zwischen Abgeklärtheit und großen Gefühlen entscheiden, und so gerät sein Roman für Schmidt zu einem Fall aus Duisburg: "Wo Epos sein soll, wird Tatort".
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