Esther Dischereit

Mit Eichmann an der Börse

In jüdischen und anderen Angelegenheiten
Ullstein Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783898340311
Gebunden, 170 Seiten, 17,38 EUR

Klappentext

"Mit Eichmann an der Börse" versammelt Geschichten, die mit fast selbstquälerischer Genauigkeit der Frage nachspüren, was es heißt, als nachgeborene Jüdin in Deutschland zu leben. In der Titelgeschichte ist von einem Kind zu lesen, dessen Mutter und ältere Schwester den Holocaust überlebt haben. Wäre vielleicht alles anders, wäre sie auch im Kleiderschrank versteckt gewesen? In skurrilen, fast schon ironisch witzigen Beobachtungen sind in "Ein Tag. Und ein Tag" das Lachen und die Verzweiflung einander unglaublich nahe. Eine Beerdigungsfeier wirkt beinahe heiter, wenn nicht mitten unter den Kaffeegästen zwischen Stasi und Nazi eine Menge Probleme auftauchten. Hackepeter, Eisbein und Fragen der jüdischen Identität kann Esther Dischereit in einem Bündel mühelos zusammenschnüren.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.06.2001

Martin Jander scheint mit wachsender Begeisterung den literarischen Weg der Autorin zu verfolgen, deren Hauptthema als Überlebende der zweiten Generation die "Wiederentdeckung ihrer Jüdischkeit" sei. Ob in Dischereits Essays, Gedichten, ihrer Prosa oder den Hörspielen, immer entfalte sie darin ihre besondere Schreibtechnik, die eine "Sichtbarmachung öffentlich nicht thematisierter Erinnerungen" zum Ziel habe. Die Themen der neu erschienenen Essays handeln zunächst recht naheliegend Themen wie die Entschädigung der Zwangsarbeiter, die Auseinandersetzung um Martin Walser oder die Person Jörg Haiders ab, so Jander. Doch die Art und Weise, wie Dischereit dabei vorgeht, stellt für ihn das Faszinierende ihres Schreibens dar: sie erweitert die Diskussion um ihr Thema stets um neue, assoziative Gedankengänge, die vor allem ihre (und die anderer) Gefühle und Erfahrungen hörbar machten. Manche der Essays seien dabei von so minimalistischer Prägnanz, dass sie Jander an Dischereits Gedichte erinnern.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 29.05.2001

Der Autorin geht es um Identitätsfragen und -probleme, schreibt Thomas Kraft, die sich bereits in ihrer eigenen Existenz als deutsche Jüdin verdichten, denn Jüdisch-Sein in Deutschland nach 1945 sei, so zitiert er sie, "einfach unwahrscheinlich, sozusagen unwirklich". Unter diesen Vorzeichen sind auch die Essays der letzten drei Jahre geschrieben, die sich - so Kraft - aus einer Mischung von feministischen, politischen und poetologischen Tönen in diesem Band versammeln. Ein grundlegendes Spannungsverhältnis, die "Ambivalenz von heiligem Zorn und selbstironischem Misstrauen" liege ihren Texten zugrunde, die manchmal undifferenziert und sprunghaft erscheinen mögen, aber immer eine persönliche Haltung deutlich machen. Ihre Themen sind unter anderem Walsers Friedenspreisrede, die Politik Haiders, der Kinofilm "Aimée & Jaguar", ihr Freund Jürgen Fuchs und die Stasi, sowie die Hitler-Unterschrift eines deutschen Musikers in Israel. Im Ganzen stehe der Umgang mit Täter und Opfern im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen, "zweierlei Wahrheiten" sehe sie in diesem Verhältnis, Scheinheiligkeiten und Ungeheuerlichkeiten, pointiert und beharrlich dargestellt - allein manch saloppe Schlussfolgerung stößt bei dem Rezensenten auf Kritik.
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